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17. September 2016

Bilder vom Ankommen

Crossing Borders – ein Projekt der Bürgerstiftung: Zwölf Stadtfotografen zeigen Freiburg.

  1. Fatima Hussaini vor einem ihrer Bilder von der Flucht aus Kabul Foto: Kunz

  2. Ein Bilder-Tableau aus „Crossing Borders“ Foto: Thomas Kunz

"Der Schwan ist frei", schreibt Omar Naoomi, der 17-jährige Fotograf aus dem Irak, "bei uns gibt es Schwäne nur im Zoo." Der Schwan ist sein Foto in einer neu eröffneten Ausstellung. Für die hochklassige Ausstellung "Crossing borders" hatten zwei Foto- und Filmkünstlerinnen, Reinhild Dettmer-Finke und Britt Schilling, zwölf geflüchtete Menschen in Freiburg als Stadtfotografen eingeladen. 48 Bilder aus deren mehrmonatiger Arbeit werden seit Freitagnachmittag im Museum für Natur und Mensch gezeigt. Bilder, die Berührung sind, Poesie und Präsenz.

"Es hat eine Weile gedauert, bis ich den Vorgang ganz verstanden hatte", sagt Mohamad Alsakka in seiner bewegenden Rede an das dicht gedrängte Vernissagen-Publikum, "dass ich ein Mensch bin, der bei diesem Projekt sein altes Leben in seinem neuen Leben sucht." Und etliches an Ähnlichkeiten und Unterschieden habe er im Lauf der fünf Monate ausgemacht zwischen der syrischen Heimatstadt Latakia und der neuen Heimat Freiburg. Im radikalen Wechsel von behaust und beheimatet sein zum Leben auf der Flucht geschieht das im Titel beschriebene: Crossing borders, Grenzen überschreiten.

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Fatima Hussaini, fünffache Mutter aus dem afghanischen Kabul, hat die Flucht nach Freiburg mit ihren beiden Jüngsten gewagt. Und die einst zur Fotografin ausgebildete 43-Jährige hat diese Flucht mit 76 Handyfotos dokumentiert. Sie hängen im "Kabinett" des Ausstellungsraumes – und viele Gespräche kreisen um diese Bilder, die 16-jährige Tochter Suraya erklärt sie vor laufender Kamera.

Der Sohn steht an einem kitschig-schönen Baum

Zum Beispiel: "Wer genau guckt, sieht hier meinen Bruder Amir am Baum." Unter weißer Baumblütenwolke steht der Zwölfjährige an den kitschig schönen Baum gelehnt – vor üppiger Landschaft. Das sieht nur aus wie eine Auszeit auf einem Weg, der mit ruhigem Blick aufgenommen ist. Schlaglöchrige Straßen, warten, Schiff, Bus. Der Bus ist umlagert – jeder will mit. Das ist in Belgrad am 27. Juli 2015. Der Fußmarsch durch Serbien, Amir vor einer Blumenrabatte in Budapest. Unterwegs gibt’s sie, diese Ansichten von fast heiler Welt. Für die anderen. Und doch enthält diese Dokumentation keinen Vorwurf. Keine Anklage. Keine Bitterkeit. Ankunft in Passau am 1. August 2015. Seit September dann hier. "Ich wünsche uns allen, dass wir solche Bilder im Herzen tragen und im Verstand, wenn wir über Flüchtlinge sprechen", sagt Josef Mackert in seinem Redebeitrag, der Studienleiter der Katholischen Akademie ist sichtlich bewegt.

Viele der 48 Ausstellungsfotos sind in Tableaus zusammengestellt. "Wir haben gemeinsam diskutiert, welche Bilder gut zusammenpassen", erklärt Aboubaker Alabed Al Hussein. Der 24-jährige Ingenieur aus Syrien ist vor einem Jahr nach Deutschland gekommen. Er beschreibt es als große Freude, an dem Projekt der Freiburger Bürgerstiftung teilgenommen zu haben. Von ihm ist ein Bild "Vögel". Eine Wellensittichmutter füttert ihr Kind. Sein Text: "Das rührt mich. Ich habe meine Mutter seit einem Jahr nicht gesehen."

Tarek Al Nahar ist selber Flüchtling – und malt. Er ist beeindruckt: "Sie haben sehr professionell gearbeitet!" Der Rundgang beweist es. Diese Schau ist künstlerisch ein Genuss – und sie bedeutet Reichtum für die Besucher. Viel Grün haben die neuen Freiburgerinnen und Freiburger festgehalten. Weite. Klug hingeschaut haben sie mit suchendem Blick: Abdulaziz Almohamad aus dem syrischen Aleppo hat im Deutschbuch eine Ansicht der Kölner Rheinbrücke entdeckt – wie ein Zwilling der Wiwilibrücke – und hat beides zusammen fotografiert. Und ja, Witz ist in manchen Ansichten, Sehnsucht, Ratlosigkeit, Leben ist in allen. Außer den bereits genannten zeigen Bilder: Nasrin und Narges Jalili, Jakob Bedros und Feras Haddad.

"Crossing Borders": bis zum 6. November im Museum Natur und Mensch, Gerberau 32, Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr
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Autor: Julia Littmann