Das Bedürfnis nach Wissen

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Do, 29. Juni 2017

Freiburg

Die Nationalsozialismus-Ausstellung hat Margarete Schumacher zu Nachforschungen veranlasst.

Das Thema war immer da – doch jetzt will Margarete Schumacher (59) mehr erfahren. Wie war das, als ihr Großvater Bernhard Wangler in Breitnau im Nationalsozialismus drei Jahre lang den jungen Freiburger Jürgen Coßmann versteckte? Jürgen Coßmanns Vater Heinz Coßmann war Jude und überlebte laut ihren Nachforschungen das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Seine Frau – die Mutter von Jürgen Coßmann – war keine Jüdin und hat damals in Littenweiler gewohnt. Viel mehr weiß Margarete Schumacher nicht.

Die Nationalsozialismus-Ausstellung im Augustinermuseum war einer der Auslöser, warum Margarete Schumacher plötzlich immer mehr über ihre Familiengeschichte nachdachte. Irgendwann wurde ihr klar, dass sie mehr über die Vergangenheit ihrer Großeltern und ihrer Mutter wissen möchte – und über den damals 15 bis 18 Jahre alten Jürgen Coßmann, der von 1942 bis 1945 in ihrer Familie lebte.

Sie hat ein Bild gemalt, das zeigt, wie sie den Umgang ihrer inzwischen 84 Jahre alten Mutter mit diesem Thema empfindet: Darauf sind zwei Personen zu sehen, eine, die sich enthüllt, und eine, die eingeschnürt ist. Dieses Bild ist mit anderen Werken von ihr derzeit im "Café au lait" in der Brombergstraße 33 ausgestellt. Margarete Schumacher hat ihr Leben lang gemalt, aber nicht hauptberuflich – sie hat 22 Jahre lang als medizinisch-technische Assistentin beim Uni-Institut für Umweltmedizin und Klinikhygiene gearbeitet und unterstützt jetzt ihren Mann in dessen psychotherapeutischer Praxis.

Das Verhalten ihrer Mutter hat sie immer als widersprüchlich erlebt: Einerseits habe sie immer erzählt, wie Jürgen Coßmann in die Familie ihrer Eltern und ihrer fünf Geschwister integriert wurde. Andererseits blieben diese Erzählungen immer innerhalb der Familie – sie sprach nur mit ihren Kindern darüber, und sie erzählte immer nur bis zu einem bestimmten Punkt.

Ähnlich muss es in ihrer eigenen Kindheit gewesen sein, vermutet Margarete Schumacher. Damals, als ihrer zu der Zeit neun bis zwölf Jahre alten Mutter verboten wurde, mit jemandem außerhalb der Familie über Jürgen Coßmann zu sprechen, der als Praktikant auf dem Bauernhof der Eltern eingestellt wurde. Manchmal sei ihr Vater von jemandem im Dorf ermahnt worden, ob er überhaupt wisse, was er da tue. Und immer, wenn Militärfahrzeuge zu hören oder Soldaten zu sehen waren, habe sich Jürgen Coßmann im Haus versteckt. Alle hätten Angst gehabt.

Margarete Schumacher hat als Kind noch ihren Großvater Bernhard Wangler kennengelernt, der in der Nachkriegszeit von 1945 bis 1965 Bürgermeister in Breitnau war. Doch er hat nie mit ihr über Jürgen Coßmann gesprochen. Die Ausstellung im Augustinermuseum hat Margarete Schumacher angeregt, aktiv zu werden: Übers Internet fand sie heraus, dass Jürgen Coßmann 2010 im Alter von 83 Jahren gestorben ist. Durch die Todesanzeige, die sie entdeckte, stieß sie auf die Namen seiner Kinder, die nicht in Freiburg leben. Als sie bei ihnen anrief, hätten sie zurückhaltend reagiert und gesagt, das sei immer ein schmerzliches Thema für sie und ihren Vater gewesen. Margarete Schumacher wüsste gern mehr: über Jürgen Coßmann, der nach ihren Informationen noch bis 1967 in Freiburg gelebt hat, und darüber, wie er und ihr Großvater sich kennenlernten.