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29. Oktober 2015

Diskussion im Winterer-Foyer

Das Mietshäusersyndikat: Solidarität statt Rendite für Einzelne

„Bauflächen sind keine nachwachsenden Rohstoffe“ - dieses Thema stand im Winterer-Foyer im Theater auf dem Plan. Rund 100 Menschen kamen - statt einer kontroversen Diskussions- war’s eine Werbeveranstaltung für die Mietshäusersyndikatsidee.

  1. Eine der immer knapperen und wertvollen Flächen in Freiburg, die bebaut wird: In Gutleutmatten entsteht unter anderem das „3-Häuser-Projekt“ mit 70 Prozent Sozialwohnungen. Foto: michael bamberger

Was tun angesichts der Freiburger Wohnungsnot: Nur noch bauen, so viel wie möglich – oder es ganz verbieten? Vertreterinnen und Vertreter vom "3-Häuser-Projekt" auf Gutleutmatten und vom Mietshäusersyndikat präsentierten ihre Konzepte als ideale Alternative zu diesen beiden Radikallösungen bei der Diskussion "Bauflächen sind keine nachwachsenden Rohstoffe" am Dienstagabend im Winterer-Foyer im Theater. Rund 100 Menschen kamen, statt einer kontroversen Diskussions- war’s eine Werbeveranstaltung für die Mietshäusersyndikatsidee.

Am Ende äußert eine Stadtbau-Mieterin in Weingarten ihre Befürchtung, dass die Stadtbau bei den Mietern die Mitbestimmung, zum Beispiel bei der Entscheidung über neue Nachbarn, wieder einschränken könnte. "Schließen Sie sich zusammen", rät Ingo Leistner vom "3-Häuser-Projekt", der als Moderator durch den Abend führt. "Und kaufen Sie das Haus und verwalten Sie es selbst!"

Könnte das Mietshäusersyndikats-Konzept wirklich immer und mit den unterschiedlichsten Mietern und Bedürfnissen funktionieren? Um solche Fragen geht’s an diesem Abend nicht. Sondern darum, zu zeigen, welche Vorteile es hat. Für Joscha Metzger bleibt die konventionelle Reaktion, auf Wohnungsnot mit dem Bau von immer mehr Wohnungen zu reagieren, in der Marktlogik von Angebot und Nachfrage gefangen. Er arbeitet beim Institut für Geographie der Uni Hamburg und schreibt zurzeit seine Doktorarbeit über Stadtentwicklung und Wohnungsgenossenschaften. In Hamburg habe das Bündnis von Politik und Wirtschaft für den Bau neuer Wohnungen dazu geführt, dass zwar die hohen Mieten nun weniger stark weiter ansteigen würden, die Mieten für die günstigeren Wohnungen aber hätten sich nicht entspannt.

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Denn Mieten für neue Wohnungen seien hoch, brächten deshalb nur in diesem Segment Entspannung und wirkten sich über die Folgen für den Mietspiegel sogar mietsteigernd aus. Joscha Metzger kritisiert, dass die soziale und gemeinnützige Wohnungswirtschaft seit Ende der 1990er Jahre massiv abgebaut worden und alles dem freien Markt – und damit dem "privaten Geldvermehrungsinteresse" von Einzelnen – überlassen worden sei. Das habe begonnen, als der Druck auf dem Wohnungsmarkt in den 1980er Jahren nachgelassen habe und der Ruf nach einem Rückzug des Staates stärker geworden sei. Dazu kam, dass sich Trends änderten – statt des Eigenheims am Stadtrand sei bei der Mittelschicht nun die teure Wohnung im Zentrum der Großstädte angesagt. Und dann seien da noch der gestiegene durchschnittliche Quadratmeterverbrauch und die zunehmende Knappheit an Flächen.

Hausversammlung, Sanierung: Eigeninitiative ist gefragt

Projekte des Mietshäusersyndikats sollen der Marktlogik entgegenwirken, indem sie die immer wertvoller werdenden Flächen dauerhaft Investoren entziehen und gemeinschaftliches Wohnen mit begrenzten Mieten garantieren. Auch der Flächenverbrauch sei in den Projekten niedriger, er liege bei 33 Quadratmetern im Vergleich zu sonst 45 Quadratmetern pro Person.

Das ließe sich steigern, regt in der Diskussion Georg Löser vom Verein "Ecotrinova" an: In den 1950er Jahren habe jeder nur durchschnittlich 15 Quadratmeter bewohnt. Außerdem stünden in Freiburg viele Bürogebäude leer, die besser zum Wohnen genutzt werden könnten. Und was sei mit kleinen Schwarzwaldorten, wo es teils großen Leerstand gebe, fragt ein anderer Zuhörer – warum seien immer alle nur darauf konzentriert, in Freiburg zu wohnen?

Seit sich das Mietshäusersyndikat vor mehr als 20 Jahren gründete, hat es über 100 Projekte entwickelt, derzeit bezahlen 2500 Bewohner im Jahr fast fünf Millionen Euro Miete. Ihre Häuser sind unverkäuflich, sie sichern über Solidarbeiträge – besonders, nachdem ein Haus über Mieten abbezahlt wurde – neue Projekte und organisieren ihr Wohnen selbst. So läuft es auch bei den drei Projekten "Lama", "Luftschloss" und "Schwerelos", die in Gutleutmatten entstehen – mit insgesamt 45 Wohnungen, von denen 70 Prozent Sozialwohnungen sind. Voraussetzung ist, dass sich alle beteiligen – bei Hausversammlungen und Sanierungen ist viel Eigeninitiative gefragt.

Autor: Anja Bochtler