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03. September 2010

Das Volk wird weniger werden

Im Amt für Bürgerservice und Informationsverarbeitung hat die Volkszählung 2011 praktisch schon begonnen.

  1. Straßenprotest gegen die Volkszählung im Jahr 1987 Foto: Unbekannt

Mit gemischten Gefühlen sehen viele der Volkszählung im nächsten Jahr entgegen. Die einen misstrauen der Befragung in Erinnerung an die Erhebung von 1987 und sehen darin eine verwerfliche Ausspähung. Andere, zum Beispiel in der Stadtverwaltung, fürchten, das Ergebnis könne die Stadt Freiburg teuer zu stehen kommen. Denn schon vorab scheint sehr wahrscheinlich: Die zum Stichtag 9. Mai 2011 ermittelte Bevölkerungszahl wird geringer ausfallen als die mit 221 000 veranschlagte amtliche Einwohnerzahl.

Und wenn’s ganz dumm läuft, rutscht Freiburg womöglich sogar unter die Zahl 201 000, von der das städtische Melderegister ausgeht. Weil aber der Stadt pro Einwohner und Einwohnerin über den Finanzausgleich 750 Euro zustehen, könnten künftig mit 20 000 Menschen weniger jährlich auch etwa 15 Millionen Euro weniger in die Stadtkasse fließen. Doch bevor es so weit ist, muss erst einmal das Volk gezählt werden (nächstes Jahr übrigens in allen Staaten der Europäischen Union). Und das geschieht dieses Mal nicht, indem (wie 1987) jeder Haushalt befragt wird. Vielmehr haben sich die Statistiker für 2011 sozusagen ein duales System ausgedacht.

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In seinem einen Teil schreibt das Statistische Landesamt alle Wohnungseigentümer an, fordert von ihnen die Daten über ihre Wohnungen an und wertet gleichzeitig das Einwohnermelderegister und das Register der Bundesanstalt für Arbeit aus. Da die Angaben dort aber erfahrungsgemäß oft unzuverlässig sind, gibt es noch einen zweiten Teil. Und der ist Sache des städtischen Amts für Bürgerservice und Informationsverarbeitung. Das muss, erklärt dessen stellvertretender Leiter Thomas Willmann, bis Anfang November deshalb eine Erhebungsstelle einrichten.

Sie hat eine zweifache Aufgabe. Einerseits werden von hier aus in Haushaltsstichproben 10 000 Freiburgerinnen und Freiburger von 100 Erhebungsbeauftragten direkt nach Alter, Geschlecht, Familienstand, Herkunft, Bildung und Beruf gefragt. Zum anderen werden weitere 100 solcher Beauftragten eine Erhebung bei den etwa 10 000 Bewohnerinnen und Bewohnern von Heimen in der Stadt machen (von Studierenden- über Pflege- und Flüchtlingsheime bis zur Notunterkunft). Bis zum Stichtag am 9. Mai 2011 muss die Erhebungsstelle, für die zeitweise bis zu 6,5 Stellen veranschlagt sind, die 200 Erhebungsbeauftragten finden, schulen und einteilen. Sie hat das Ganze zu koordinieren, hat darauf zu achten, dass alle 20 000 Fragebogen bis Oktober 2011 vorliegen, und hat Säumigen zur Not auch Zwangsgeld anzudrohen. Geplant ist, dass die Erhebungsstelle ihre Arbeit bis Mitte 2012 beendet haben soll.

Für die Haushaltsstichproben und die Befragung in den Heimen wird die Erhebungsstelle als Erhebungsbeauftragte (die laut einer Empfehlung 7,50 Euro pro Fragebogen erhalten sollen) bewährte ehrenamtliche Wahlhelfer und städtische Bedienstete verpflichten. Diese dürfen allerdings nicht im Einwohnermeldeamt arbeiten. Denn was sie bei diesem Zensus 2011 herausfinden, soll laut Gesetz auf keinen Fall dazu benutzt werden dürfen, Fehler im Melderegister zu korrigieren. "Die Erhebungsstelle muss von der Stadtverwaltung völlig abgeschottet sein", sagt Thomas Willmann. Auch wenn die Kommunen sehr daran interessiert sind, die Erhebungsstellen zu betreiben, "damit ihnen niemand durch die Lappen geht".

Mit Ergebnissen rechnen Fachleute erst für Ende 2012

Denn der Sinn der Volkszählung sei ja, eine neue amtliche Bevölkerungszahl festzustellen, mit der für die nächsten zehn Jahre zu rechnen ist. Und was dabei schließlich herauskommt, ist entscheidend dafür, wie viel Geld die Stadt zugewiesen bekommt. "Es kann durchaus sein", vermutet Thomas Willmann, "dass diese amtliche Einwohnerzahl nach dem Zensus unter der Zahl des Melderegisters liegt." Was – falls sie unter 200 000 rutscht – auch Auswirkungen auf das Gehalt des Oberbürgermeisters hätte.

Doch das sind sozusagen noch ungelegte Eier, solange die Daten der Volks-, Gebäude- und Wohnungszählung mit Registerauswertung, Stichprobenerhebung (mit folgender Hochrechnung) und Befragung der Wohnungsbesitzer nicht zusammengeführt und ausgewertet sind. Womit die Fachleute erst für November 2012 rechnen. Was Thomas Willmann dagegen jetzt schon sicher weiß: "Für uns in Baden-Württemberg ist dieser Zensus besonders hart, weil wir gleichzeitig die Ende März stattfindende Landtagswahl vorbereiten müssen."

Autor: Gerhard M. Kirk