Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
15. Juli 2009 05:20 Uhr
Sanierung
Das weltweit erste Passivhochhaus wird teurer als gedacht
An der Bugginger Straße in Freiburg-Weingarten entsteht gerade das weltweit erste Passivhochhaus. Doch die Kosten für die Baumaßnahmen explodieren. Künftige Bewohner müssen sich auf höhere Mieten einstellen.
Das Hochhaus Bugginger Straße 50 in Weingarten wird gerade saniert – und zwar zum weltweit ersten Passivhochhaus. Das heißt: Wenn die Arbeiten fertig sind, wird die einstige Energieschleuder mit ihren 16 Stockwerken ordentlich wärmegedämmt und gut belüftet sein. Das kostet mehr als eine herkömmliche Sanierung – und darüber hinaus deutlich mehr, als gedacht. Das bedeutet auch für die künftigen Mieter mehr Mietkosten. Im Gemeinderat gab es darüber gestern eine Debatte.
Knapp zwölf Millionen Euro waren für das Pilotprojekt veranschlagt, nun soll es 13 Prozent oder knapp 1,6 Millionen Euro mehr kosten. Warum? "Hohe Anforderungen, die zum Zeitpunkt der Kostenschätzung von den Planern noch nicht erkannt wurden" heißt es von Seiten der Stadtverwaltung. So werde etwa die Lüftungstechnik aufwändiger (plus 350 000 Euro), der Estrich müsse schallgedämmt werden (plus 275 000 Euro) und die Umgestaltung des Erdgeschosses mit Concierge und Versammlungsraum verursache Mehrkosten (plus 110 000 Euro).
Statt 4,15 Millionen Euro müssen nun Bund und Land eine gute halbe Million mehr an Fördermitteln ausschütten, der städtische Anteil erhöht sich um rund 220 000 Euro auf knapp 1,9 Millionen Euro. Für die Mieter, die dereinst in das frisch sanierte Hochhaus der Wohnungsgesellschaft Freiburger Stadtbau ziehen, heißt das: Statt einer Mieterhöhung von 1,65 Euro pro Quadratmeter werden es dann nochmal 20 Cent mehr, so die vorläufige Kostenrechnung. Eine Nachricht, die den Sanierungsbeirat – der in Sachen Passivhaussanierung eh’ skeptisch war – nicht froh macht. Er hat die Stadtverwaltung gebeten, die Mehrkosten nicht auf die Miete umzuschlagen: "Diejenigen, die ein großes Interesse an dem ökologischen Modellprojekt haben, sollten auch die zusätzlichen Kosten tragen."
Werbung
Doch die Mehrheit im Gemeinderat war der Meinung, die zusätzliche Mieterhöhung von 20 Cent pro Quadratmeter sei zumutbar. "Unterm Strich werden die Mieter weniger Warmmiete zahlen", so Lioba Grammelspacher von den Grünen. Auch, weil die Wohnungen kleiner werden – der Quadratmeterpreis steigt zwar, die Warmmiete jedoch wird wegen der sinkenden Nebenkosten weniger werden. "Intelligente Wohnraumverkleinerung" nannte das Berthold Bock (CDU). Auch Alfred Kalchthaler von den Freien Wählern sprach sich dafür aus, die Mehrkosten umzulegen: "Es kann nicht alles an der Stadt hängenbleiben."
Ganz anders argumentierte Margot Queitsch (SPD): "Das, was viele Mieter fürchteten, ist jetzt eingetreten: Die teure Passivhaussanierung bleibt an den Mietern hängen." Henrijk Guzzoni (Unabhängige Listen) prophezeite, mit der Sanierung würden einkommensschwache Mieter verdrängt: "Das widerspricht den Richtlinien zur Sozialen Stadt Weingarten-West." Auch Monika Stein forderte für die Grüne Alternative Freiburg, die kleinen Wohnungen sollten einigermaßen bezahlbar bleiben. Einen Antrag von SPD und Unabhängigen Listen, zusätzliche Fördermaßnahmen zu akquirieren statt die Mieten nochmals zu erhöhen, nannte Baureferent Norbert Schröder-Klings nicht machbar: "Sämtliche Fördermöglichkeiten sind ausgeschöpft. So wurde schlussendlich der Vorschlag der Verwaltung, die nötigen Mehrkosten zu zahlen und anteilig auf die Mieten umzulegen, von der Mehrheit des Gemeinderates übernommen.
- Kommentar: Ein Pilotprojekt mit Tücken
Autor: Simone Lutz
