Standortsuche für das NS-Infozentrum in Freiburg nimmt Fahrt auf

Frank Zimmermann

Von Frank Zimmermann

Fr, 08. Dezember 2017

Freiburg

Freiburg soll ein NS-Dokumentations- und -Informationszentrum bekommen, möglichst an historischem Ort. Dies forderten Bürger bei einer Veranstaltung der Unabhängigen Listen (UL) am Mittwochabend in der Gertrud-Luckner-Gewerbeschule.

Ein Konsens fand sich für die Idee, den Gebäudekomplex zwischen Turmstraße, Rotteckring und Rathausgasse zu nutzen, in dem sich noch die "Freiburg, Wirtschaft, Touristik und Messe GmbH" (FWTM) befindet. Doch dem erteilt OB Salomon gegenüber der BZ eine Absage: "Das Rotteck-Haus geht definitiv nicht."

Die städtische FWTM wird im Frühjahr 2018 in einen Neubau an der Messe ziehen. Den bisherigen Hauptsitz, das Rotteck-Haus, hat sie an die "Freiburg Wirtschaftsimmobilien GmbH" (FWI) verkauft, einer gemeinsamen Tochter von FWTM und Sparkasse. Den Wert beziffert Oberbürgermeister Dieter Salomon auf sechs Millionen Euro. Die FWTM sucht ab Juni 2018 einen neuen Mieter für die 2000 Quadratmeter, die sich in dem u-förmigen Gebäude von der Turmstraße über das ehemalige Verkehrsamt am Rotteckring (in dem sich bis 2007 die Tourist-Info, danach eine Versicherung und zuletzt eine Galerie befand) bis ins Eckhaus an der Rathausgasse erstrecken.

Das Zentrum wird vom gesamten Gemeinderat befürwortet. Die Initiatoren halten den Gebäudekomplex für geeignet, weil es sich um einen der wenigen realisierten und erhaltenen Häuser aus der Nazizeit in Freiburg handle. Es brauche ein authentisches Gebäude und kein modernes Hochhaus, sagte der Historiker Bernd Martin. Gebaut wurde das Rotteck-Haus – "ein Musterbeispiel der NS-Architektur" (Martin) – von 1934 bis 1936; an ihm könne man gut die NS-Ideologie erklären. Peter Kalchthaler, Leiter des Museums für Stadtgeschichte, wies zum Beispiel auf die Luftschutzklappen vor dem Verkehrsamt und die an die Olympischen Spiele 1936 in Berlin erinnernden Ringe im Oberlichtgitter an der Turmstraße hin.

Im Gespräch war zuletzt auch der Basler Hof an der Kaiser-Joseph-Straße, in dem sich das Regierungspräsidium befindet. Einst folterte dort die Gestapo. Laut Kalchthaler handelt es sich aber nicht mehr um den Originalbau, sondern ein Gebäude von 1952. Für das Rotteck-Haus gibt es laut FWTM-Geschäftsführer Bernd Dallmann zwei Interessenten: die Evangelische Kirche Freiburg (die BZ berichtete) und "ein junges Unternehmen". Anfang 2018 falle eine Entscheidung.

Während der Archäologe Martin Flashar und der Historiker Robert Neisen, Kurator der NS-Ausstellung, in der Luckner-Schule dafür plädierten, sich bald auf einen Standort festzulegen, sprachen sich Salomon und der Leitende Museumsdirektor Tilmann von Stockhausen für den umgekehrten Weg aus: Zunächst brauche es ein Konzept.

Dafür sollten wie bei der NS-Ausstellung ein Beirat mit fachkundigen Bürgern und Experten gegründet und bestehende Initiativen in der Region miteinbezogen werden, forderten von Stockhausen und UL-Fraktionschef Michael Moos. Man könne jetzt nicht einfach ohne Konzept ein Haus besetzen, sagte der OB. "Wir müssen schon die Reihenfolge einhalten." Man habe noch andere Gebäude im Auge.

Die Vorsitzende der Israelitische Gemeinde, Irina Katz, begrüßt eine Gedenk-, Begegnungs- und Lernstätte und möchte dort auch die Mauerreste der zerstörten Synagoge ausstellen, sagte ihr Sohn Nikita Karavajev.

Michael Moos denkt an eine "zukunftsgewandte Erinnerungskultur" mit aktuellem politischen Bezug: konkret an eine Bibliothek, eine Ausstellung, Führungen, Veranstaltungen und eine Abteilung mit Quellen für die Forschung. Bis Sommer 2018 soll das Konzept stehen, rechtzeitig vor den Beratungen für den nächsten Doppelhaushalt.