Den Verschleppten ein Gesicht geben

Gerhard M. Kirk

Von Gerhard M. Kirk

Mo, 30. März 2009

Freiburg

Der "Zug der Erinnerung" ist in Freiburg angekommen.

Einige sind natürlich vor allem wegen der nostalgisch rauchenden Dampflok aufs Gleis 8 des Freiburger Hauptbahnhofs gekommen. Die meisten der etwa 500 Kinder, Jugendlichen, Frauen und Männer jedoch haben an diesem Sonntagmorgen anderes im Sinn als Nostalgie. Sie wollen sich vom "Zug der Erinnerung" mitnehmen lassen auf die Reise in eine Zeit, in der die Reichsbahn auch von diesem Bahnhöfle aus Menschen in den Tod transportierte.

Jörg Sachse lässt es mächtig dampfen und pfeifen und zischen, als er die Lok 2455 "Posen" aus dem Jahr 1919 um 10.55 Uhr auf Gleis 8 rollen lässt. 30 bis 40 Tage im Jahr ist der Eisenbahner im Ruhestand mit zwei Gedächtnis-Waggons als Anhang in Deutschland unterwegs. 66 Jahre ist er alt und sagt von sich: "Ich habe bei der Bahn alle Drecksarbeiten gemacht – außer Bahnchef." Allerdings ist er zu jung für die "Drecksarbeit", zu der sich die Deutsche Reichsbahn in Kumpanei mit den damals Herrschenden hergab: für den Transport von Jüdinnen, Juden, Sinti, Schwulen, politisch Andersdenkenden in deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager. Darunter auch viele Kinder und Jugendliche, von denen die Ausstellung in den beiden Waggons stellvertretend einigen Namen und Gesicht gibt. Heinrich Rosenberg zum Beispiel (1923 geboren), Gretel Durbacher (1921), Franz Spindler (1926).

Das Vergangene dokumentieren für die nachfolgenden Generationen nennt das Wolfgang Fuhl. Der Vorsitzende des Oberrats der Israeliten in Baden verweist gleichzeitig auf die Verantwortung derer, die heute leben, für die Zukunft – "um eine Wiederholung oder Schlimmeres zu verhindern". Was er ausdrücklich nicht tut, ist, der Deutschen Bahn zu danken, die dem "Zug der Erinnerung" immer wieder Bremsklötze in den Weg legt. Statt als Rechtsnachfolgerin der Reichsbahn, "die diese Verbrechen erst möglich machte" (wie Tatjana Engel vom Verein "Zug der Erinnerung" sagt), diese Erinnerungsarbeit für die Zukunft mit Blick auf die eigene Geschichte zu unterstützen, kassiert sie auch noch ab – 150 000 Euro insgesamt, 14 000 allein in Freiburg.

Deshalb dankt auch Oberbürgermeister Dieter Salomon der Bahn ausdrücklich nicht, außer den Freiburger Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern um Bahnhofsmanager Wolf-Dieter Sutter, die dem "Zug der Erinnerung" den Weg nach Freiburg frei gemacht haben. Was beim Oberbürgermeister an diesem kalten März-Sonntagvormittag bei der Einfahrt der Dampflok mit Anhang ein Gefühl auslöst, "das man nicht beschreiben kann – die Temperatur wird gleich um zehn Grad kälter". Dieter Salomon erinnert an den Abtransport von 350 Jüdinnen und Juden aus Freiburg ins Konzentrationslager Gurs im Oktober 1940. "An dieser Stelle mussten sie von ihrer Heimatstadt Abschied nehmen, und nur wenige überlebten."

Allerdings stimmen nicht alle in den Beifall für den OB ein. Edmund Reinhard, Vorsitzender der Sinti-Siedlung Freiburg, aus der ebenfalls einige in Vernichtungslagern umgebracht wurden: "Wir sind bitterlich enttäuscht, dass die Sinti mal wieder vergessen wurden." Und Josefa Eckstein, die ein Konzentrationslager überlebt hat, meint: "Eigentlich müssen Juden und Sinti, von denen eine halbe Million ermordet wurden, immer in einem Atemzug genannt werden."

Auch die Großmutter von Renate Citron-Lais wurde von diesem Freiburger Bahnhof aus am 23. Oktober 1940 nach Gurs deportiert. Und der Freiburgerin kommt es gestern "merkwürdig vor, dass ich diesen Ort nun frei verlassen kann".

Die Ausstellung im Zug der Erinnerung auf Gleis 8 des Hauptbahnhofs ist noch bis einschließlich Mittwoch, 1. April, jeweils von 8.30 bis 19 Uhr zu sehen.