Der Arbeitskreis Behinderte droht seine Heimat zu verlieren

Gerhard M. Kirk

Von Gerhard M. Kirk

Fr, 07. Oktober 2011

Freiburg

Lange bevor von Integration und Inklusion die Rede war, füllte der Arbeitskreis Behinderte an der Christuskirche diese beiden Begriffe schon mit Leben.

Und längst ist dieser ABC in der Maienstraße 2 zu einem Ort der Begegnung von Menschen geworden. Zu einer Heimat, die ihnen nun nach vier Jahrzehnten durch den geplanten Verkauf dieses Gemeindehauses verloren zu gehen droht. Und mit ihm ausgerechnet das "Herzstück der Christusgemeinde", wie es Irmengard Nübel nennt, die Vorsitzende des ABC-Fördervereins.

Alles begann damit, dass Ende der 1960er Jahre Jugendliche mit einer geistigen Behinderung bei der Christusgemeinde um Konfirmandenunterricht nachsuchten. Just dort, wo Hildemargret Ritter als Frau des damaligen Pfarrers Frido Ritter sich schon länger mit genau diesem Gedanken beschäftigte. Fünf Mädchen und ein Junge zwischen 14 und 18 Jahren bildeten die erste Gruppe. Und bald wurde klar: Da fehlt noch was, nämlich die Möglichkeit, die Freizeit zu gestalten. Also wurde eine erste "Samstagsparty" veranstaltet – und 1971 während eines Gottesdienstes ganz offiziell der Arbeitskreis Behinderte an der Christuskirche "ausgerufen". Von dem zum 25. Geburtstag Pfarrer Wolfgang Kammerer sagte: "Der ABC ist zu einem Teil unserer Gemeinde geworden, er macht unser Zusammenleben lebendiger, einfühlsamer und nachdenklicher."

Heute ist der ABC mit seinen Freizeit- und Projektgruppen, mit Bildungs- und Hilfeangeboten, mit Ausflügen und Reisen jeden Monat für 400 bis 600 Menschen zwischen zehn und 70 Jahren ein Lebensraum, wie der Leiter Bertram Goldbach sagt. "Das Einzige, was sie mitbringen müssen, ist, so zu sein, wie sie sind." Welche Lebensqualität das mit sich bringt, erklärt Stefan Rescher, der seit gut dreißig Jahren zum ABC kommt: "Es macht einfach viel, viel Spaß, mit anderen die Freizeit zu gestalten." Und zwar in der günstig zu erreichenden Maienstraße 2, macht Stefanie Saier, seit mehr als eineinhalb Jahrzehnten mit dabei, deutlich: "Es ist wichtig, dass der ABC genau hier ist."

Der ABC setzt Akzente in die gesamte Stadt hinein

"Der Ort ist als Heimat wichtig", weiß Bertram Goldbach, "von hier aus gehen die Leute wieder in ihre Quartiere." Von hier aus setzt der ABC freilich auch Akzente in die gesamte Stadt hinein. Mit seiner integrativen Theatergruppe "Die Schattenspringer". Mit seiner integrativen Band "Galgenhumor". Und nicht zuletzt, meint Irmengard Nübel: "Die inklusiven Montessori-Angebote Kindergarten, Grund- und Realschule wären ohne die Anstöße des ABC nicht gelaufen." Der für sie von seinen Anfängen bis heute eindeutig Teil der Gemeindearbeit ist. In heutigem evangelischen Sprachgebrauch "ein Leuchtfeuer-Projekt" weit über die Christusgemeinde hinaus. Eigentlich, ist die Fördervereinsvorsitzende überzeugt, brauche jede Gemeinde den ABC – "um etwas übers Leben zu lernen".

Und da herrscht nicht nur viel Betrieb, aus der ursprünglichen Konfirmandengruppe ist längst selbst eine Art Betrieb geworden (seit 1991 gemeinsam getragen vom Diakonischen Werk Freiburg und von der Christusgemeinde): mit drei Hauptamtlichen, 20 Honorarkräften, mehr als 60 Ehrenamtlichen und einem jährlichen Haushalt in Höhe von etwa 250 000 Euro. "Dass sich der ABC so gut entwickelt hat", ist Jochen Pfisterer als Geschäftsführer des Diakonischen Werks überzeugt, "liegt ganz stark an der Christusgemeinde und ihrer Unterstützung."

Dennoch begleiten zwiespältige Gefühle die öffentliche Jubiläumsfeier zum Vierzigjährigen, die am 8. Oktober um 17.30 Uhr im Gemeindesaal Maienstraße 2 beginnt und mit einer Party (bei der auch die Band "Galgenhumor" spielt) von 20 Uhr an lange ausklingt. Nach dem Willen der evangelischen Kirchenleitung nämlich soll der ABC hier keinen Platz mehr haben. Weshalb nicht nur Irmengard Nübel "einerseits Dankbarkeit und andererseits Bitterkeit" erfüllt.