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21. April 2011

Der Ballermann im Breisgau

Anwohner fordern städtische Strategie gegen Lärm und Zoff in der Innenstadt / BZ-Haus-Diskussion mit Stadtverwaltung und Polizei.

  1. Spaß, Lärm, Alkohol: Bis zu 20 Junggesellen-Abschiede pro Wochenende werden in der Innenstadt gefeiert Foto: Ingo Schneider

  2. Spaß, Lärm, Alkohol: Bis zu 20 Junggesellen-Abschiede pro Wochenende werden in der Innenstadt gefeiert Foto: Ingo Schneider

Hilft denn überhaupt noch etwas – außer Schwarzen Sheriffs und Alkoholverbot auf den Straßen der Innenstadt? Bei der Diskussion um "Lärm und Zoff in der City" ging es im BZ-Haus ordentlich zur Sache: Anwohner wollen den Radau nicht mehr hinnehmen, die Polizei hat auch ohne Lärmbeschwerden mehr als genug zu tun, und der Ordnungsamtsleiter hat erkannt: "Das Thema ist in der Verwaltung angekommen."

Erstmal eine Bestandsaufnahme. Im Freiburger Altstadtring wohnen mehr als 7000 Menschen. Viele von ihnen erleben mit wachsendem Unmut, dass die City seit etwa fünf Jahren zur Partyzone, zum Breisgau-Ballermann geworden ist. An fast jedem Wochenende werden hier bis zu 20 Junggesellen-Abschiede gefeiert. 800 Leute pro Jahr landen in der Ausnüchterungszelle der Polizei. Den größten Ärger machen sturzbetrunkene 21- bis 26-Jährige, von denen die Hälfte von weiter weg kommt: aus Tuttlingen, Basel oder Karlsruhe. Diese tun am Partywochenende in Freiburg, was sie daheim nie tun würden: werfen Blumenkübel um, grillen auf öffentlichen Plätzen, benutzen Hauseingänge als Pissoirs, machen Radau bis morgens um fünf, bis sie mit dem ersten Zug wieder wegfahren.

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Dazu kommt, dass in der engen Altstadt Gastronomiebetriebe dicht an dicht stehen. Viele locken Gäste mit lauter Musik – etwa die Markthalle –, einige lassen Türen und Fenster offen, holen Stühle und Tische nicht rechtzeitig von draußen rein. Und: Seit dem Rauchverbot in Kneipen tragen die Raucher vor der Tür ihren Teil zur Lärmkulisse bei.Wie sich das auf dem Augustinerplatz anhört, spielte BZ-Redakteur und Moderator Joachim Röderer auf einem Radiorecorder vor: 77 Dezibel nach Mitternacht – ziemlich laut.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Podiumsdiskussion forderten vehement eine städtische Strategie. "Ich sehe bei der Stadtpolitik keinen Willen, das zu ändern", so Anca Rosler-Koslar, die seit langem am Oberlindenplatz lebt. Gernot Lüwa vom Lokalverein Innenstadt, selbst Anwohner an der Grünwälderstraße, ist fassungslos, dass seine Vorstöße bei der Stadtverwaltung lange Zeit als "Einzelfall" abgetan worden seien.

Für Lärmbeschwerden fehlt es an Personal

"Die Polizei stößt an ihre Grenzen", entgegnete Harry Hochuli, Leiter des Polizeireviers Nord. 2000 Notrufe gehen im Monat im Revier Nord ein, bei Schlägereien etwa oder Einbrüchen; die 40 bis 50 Anrufe wegen Ruhestörung, die in einer lauen Nacht auflaufen, "die werden von einer Besatzung abgegrast" – die meisten Polizisten sind dort im Einsatz, wo Menschen gefährdet sind. Walter Rubsamen, Chef des Ordnungsamtes, pflichtete ihm bei: "Für Lärmbeschwerden fehlt am langen Ende das Personal." Und Hansjörg Dattler, Sprecher der Freiburger Gastronomen, glaubt: "Den einzelnen Ruhestörer erreicht man nicht."

Was also tun? Ein kommunaler Ordnungsdienst, etwa wie in Heidelberg, wäre sinnvoll, findet Anca Rosler-Koslar. Doch die "Schwarzen Sheriffs", sind sich Stadt- und Polizeispitze einig, seien nicht das Richtige für Freiburg; "aus Loyalität halte ich mich an die offizielle Meinung der Polizeidirektion", sagte dazu Polizist Hochuli. Ordnungsamtsleiter Rubsamen will Gastrobetriebe stärker kontrollieren, kündigte "professionelle Lärmmessungen" an und hofft auf neue gesetzliche Regelungen, mit denen Städte selbst über ein örtlich und zeitlich begrenztes Alkoholverbot entscheiden können. "Damit könnten wir reagieren", findet auch Hochuli, "Prävention, die an den einzelnen Personen ansetzt, hat wenig Aussichten."Das zeige das Beispiel des Präventionsprogramms "Prärie": "Um ein Uhr nachts packen die zusammen, weil die Leute nicht mehr ansprechbar sind."

Viele Anwohner der Innenstadt, das zeigte die Diskussion im zahlreich erschienenen Publikum, sind inzwischen so genervt, dass sie repressive Maßnahmen der Stadtverwaltung befürworten würden. Gernot Lüwa: "Bald hängen wir Bettlaken raus und protestieren." Spontane Zustimmungsrufe im Publikum.

Autor: Simone Lutz