"Der Betreuer hat eine begleitende Funktion"

Mi, 19. September 2012

Freiburg

BZ-INTERVIEW: Das Anliegen ist die Begegnung auf Augenhöhe, erklärt Sozialarbeiterin Christiane Weiler – der Wille und die Wünsche der Betreuten zählen.

Vertrauen ist die Basis einer rechtlichen Betreuung. Der mehrfache Betrug durch einen Sozialarbeiter aus Müllheim bringt diese Form der sozialen Arbeit in Misskredit und scheint Vorurteile zu bestätigen. BZ-Mitarbeiterin Silvia Faller befragte dazu die Sozialarbeiterin Christiane Weiler vom Betreuungsverein des Diakonischen Werks Freiburg.

BZ: Frau Weiler, seit 20 Jahren gibt es die rechtliche Betreuung. Erleben Sie immer noch Ängste bei Betroffenen?

Weiler: Ja, ganz deutlich. Vor allem bei älteren Menschen, die häufig betroffen sind, spüren wir oft Vorbehalte. Denn sie sind mit dem alten Recht groß geworden und fürchten, sie werden gar entmündigt.

BZ: Was ist bei der Betreuung im Kern anders?

Weiler: Das Gesetz fordert, dass der Betreuer dem zu Betreuenden auf Augenhöhe begegnet. Der Betreute ist auch nicht in seinen Persönlichkeitsrechten eingeschränkt. Im Gegenteil. Das Gesetz verpflichtet den Betreuer, den Wünschen und Lebensvorstellungen des Betroffenen so weit als möglich zu entsprechen und alle wichtigen Angelegenheiten vor einer Entscheidung mit ihm zu besprechen.

BZ: Und wenn das nicht möglich ist?

Weiler: Der Betreuer ist auf jeden Fall gehalten sich im Gespräch verständlich zu machen. Das Wesen des neuen Rechts wird in diesem Aspekt besonders deutlich. Der Betreuer hat eine begleitende Funktion und er darf nur von den Wünschen des Betreuten abweichen, wenn er oder sie sich dadurch in Gefahr brächte oder sich schädigen würde, und zwar erheblich. Soweit es möglich ist, soll der Betreute ein selbstbestimmtes Leben führen können.

BZ: Das klingt gut. Aber offenbar gibt es Lücken. Wäre sonst ein solcher Betrugsfall wie jüngst vor dem Freiburger Amtsgericht verhandelt, möglich?

Weiler: Er ist bedauerlicherweise dann denkbar, wenn interne Kontrollen fehlen und betrügerische Absichten bestehen. Für uns im Betreuungsverein des Diakonischen Werks möchte ich eine solche Möglichkeit ausschließen. Bei uns gilt zwar auch das Prinzip der befreiten Betreuung mit vereinfachter Rechnungslegung vor Gericht, aber eine Mitarbeiterin prüft die Kontenführungen, die die Betreuer verantworten. Dies gilt meines Wissens auch für die anderen beiden Betreuungsvereine in Freiburg, mit denen wir eng zusammenarbeiten

BZ: War der evangelische Betreuungsverein in Freiburg schon einmal von einem solchen Missbrauch betroffen?

Weiler: Seit 1992 bin ich in diesem Arbeitsfeld beschäftigt und mir ist im Stadtgebiet kein einziger Fall bekannt geworden. Aber grundsätzlich ist es so, dass kein Gericht der Welt mit hundertprozentiger Sicherheit einen Betrug verhindern kann, wenn jemand mit kriminellen Absichten ans Werk geht.

BZ: Sehen Sie den Ruf der Betreuung und der Betreuer beschädigt?

Weiler: Ja, leider erheblich. Denn die Betreuung fußt auf Vertrauen und genau das wurde missbraucht. Aber ich wünsche mir eine sachliche und differenzierte Betrachtung und dass gerade Kritiker sich als ehrenamtliche Betreuer zur Verfügung stellen. Wir wollen mit Menschen zusammenarbeiten, die hinterfragen.