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17. Juli 2009 13:42 Uhr

Freiburger Original

Der Bettler im Lodenmantel ist wieder aufgetaucht

Jahrelang hat er zum Stadtbild gehört. Der rauschebärtige Bettler im Lodenmantel, der Passanten mit dem Spruch "GebtmirGeld!?!" anbaggerte. Plötzlich war er weg. Wir haben ihn in Waldshut gefunden.

  1. Die Freiburger kannten ihn als Bettler im grünen Lodenmantel. Heute lebt Aimé de Palézieux in Waldshut. Foto: privat

"Ihr Studenten!! Studiert doch das richtige Leben!!" war einer seiner Sprüche. Bekannter noch der: "Gebt ihr mir Geld!!??" Ein Baum von einem Mann, ein imposanter Rauschebart, ein dröhnender Bass, und auch im Sommer hat Aimé de Palézieux, 62, nur selten auf den grünen Lodenmantel, sein Markenzeichen, verzichtet.

Von 1978 bis Ende der 1990er stand er am Brunnen am Martinstor und schnorrte. 20 Jahre lang. Meist war er friedlich, mal war er wütend, mal war er laut, manchmal musste sogar die Polizei einschreiten. Abends traf man ihn in den Kneipen des Sedanquartiers, wo er ab und an wirr vor sich hinbrabbelte, Lebensweisheiten weitergab und an guten Tagen andere zum Bier einlud. Doch irgendwann war der Aristokrat und Solitär unter Freiburgs Obdachlosen weg. Einfach verschwunden. Seinen richtigen Namen kannte fast keiner. Sie nannten ihn "Nikolaus", "der Graf" oder "Catweazle", und fast jeder in der Stadt hat seine persönliche Geschichte mit ihm.

ALLES NUR GERÜCHTE
Gestorben? In der Nervenklinik? Oder doch die Millionenerbschaft angetreten, von der immer gemunkelt wurde. Nicht ganz. Abgesehen von einem krächzenden Raucherhusten erfreut sich de Palézieux bester Gesundheit. Vor rund zehn Jahren ging er wieder an den Hochrhein, wo seine inzwischen verstorbenen Eltern einst eine chemische Reinigung betrieben. Es wurde nicht halb Herdern geerbt, wie viele dachten, aber immerhin lebt er jetzt in einer kleinen Wohnung in Waldshut-Tiengen. Mit Hartz IV kommt er über die Runden, an den beiden Toren seiner schmucken Heimatstadt bettelt der gebürtige Basler nicht.

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"Herdern?!" De Palézieux muss losprusten. "Das wäre schön gewesen, aber in Herdern habe ich keine Villa. Dort habe ich allerdings oft im Stadtgarten geschlafen." Wir sitzen in der Warsteiner Brasserie am Unteren Tor beim Kaffee, seinem zweiten Zuhause. Er trägt Cordhose und Carohemd, der Lodenmantel hängt heute daheim im Schrank. Sein ehemals dunkler Bart ist mittlerweile grau. Jeder kennt den "Emme" hier, er kommt täglich. "Wir lieben ihn", lacht die Wirtin Deborah Eggert-Martin und nimmt den großen Mann in den Arm.

"ALLE PENNER SIND PHILOSOPHEN"
Und die anderen Gerüchte? "Man sagte, Sie wären ein verkrachter Philosophieprofessor…". Wieder schmunzelt de Palézieux. "Stimmt schon. Aber die Philosophie habe ich mir auf der Straße beigebracht. Alle Penner sind Philosophen." Nächste Frage: "Und ein Marxist?" Auch Fehlanzeige. Mit der Politik hat er es nicht. "Ich war zwar mal bei den Grünen ganz zu Anfang der Partei, doch die haben mich raus geschmissen, weil ich keine Mitgliedsbeiträge gezahlt habe."

Er war nicht irgendein Penner. Nicht nur, weil er nie Bier trank bei der "Arbeit" am Martinstor. Seine adligen Ahnen stammen aus der Nähe von Genf. Einer seiner Vorfahren, der auch Aimé de Palézieux hieß (1843-1907), ging als Unterleutnant der Kavallerie der Schweizer Armee nach Deutschland, wurde deutscher Botschaftsattaché in London, war im Krieg von 1870/71 Hauptmann der preußischen Armee, 1900 dann Generalleutnant und schließlich Direktor der ständigen Kunstsammlung von Weimar. Daher die Gerüchte, daher der Sonderstatus. Mit anderen Obdachlosen wollte der heute 62-Jährige nichts zu tun haben. "Die redeten nur darüber, wo das Bier am billigsten war. Das hat mich nie interessiert".

DER TRAUM VON DER INDIENREISE
Auch er kam wie sein Vorfahr viel in der Welt herum, allerdings nicht im Staatsdienst. Sieben Mal sei er sitzen geblieben in der Schule, nach der Mechanikerlehre in Basel ging es in den 1970ern nach Indien, dann durch Deutschland. Die Freiheit, das zu tun, worauf man Lust hatte, sei die schönste Erfahrung gewesen, arbeiten habe er nie wollen. "Nach Freiburg kam ich, als ich auf der Autobahn nur noch 60 Pfennig in der Tasche hatte. Außerdem war Freiburg die nächstgrößere Stadt von Zuhause aus", sagt de Palézieux. Nun ist der "Emme" wieder da, wo er aufgewachsen ist, nach Freiburg geht es alle Monate mal zum Einkaufen, mehr nicht. Seine Träume? "Noch einmal mit lauter Haschmusik wie Grateful Dead oder den Eagles mit dem Auto nach Indien, das wär's! Leider nehmen sie Dir als Hartz-IV-Empfänger das hinzu verdiente Geld wieder ab. Leider."

Autor: Dominik Bloedner und Benno Burgey