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21. Juni 2009 16:32 Uhr

Vom Stadttheater zum Marienbad

Der erste Mittsommernachtstisch – ein Spaziergang

So mancher stornierte seine Reservierung für den Mittsommernachtstisch am verregneten Freitag. Doch dann gab’s ein Happy End : Das Wetter hielt. Tausende Menschen drängelten sich an fast 500 Tischen. BZ-Redakteur Frank Zimmermann hat sich treiben lassen.

  1. Dichtes Gedränge zwischen Stadttheater und Marienbad. Foto: Michael Bamberger

  2. Dichtes Gedränge zwischen Stadttheater und Marienbad. Foto: Michael Bamberger

  3. Dichtes Gedränge zwischen Stadttheater und Marienbad. Foto: Michael Bamberger

  4. Dichtes Gedränge zwischen Stadttheater und Marienbad. Foto: Michael Bamberger

  5. Dichtes Gedränge zwischen Stadttheater und Marienbad. Foto: Michael Bamberger

  6. Dichtes Gedränge zwischen Stadttheater und Marienbad. Foto: Michael Bamberger

Gegen 20 Uhr bildet sich ein fast durchgehendes Band von Tischen, die schon voll besetzt sind: vom Stadttheater, entlang des Platzes der Alten Synagoge und des Platzes der Universität, vorbei an den Kollegiengebäuden I und IV, über die Humboldtstraße und die Gerberau, die Adelhauser- und die Marienstraße bis hin zum Marienbad. Nur eingangs der Humboldtstraße, auf Höhe des Oscar’s, gibt’s ein größeres Loch in der Tischkette.

Die Spielregeln für den Abend, aufgestellt von den Veranstaltern der baden-württembergischen Theatertage, dem Freiburger Theater und dem Theater im Marienbad, lauten: Jeder bringt von zu Hause einen Tisch und Stühle mit. Was er dann kulinarisch anbietet und ob die vorbeischlendernden Gäste mit einem besonderen Programm gelockt werden, bleibt jedem selbst überlassen. Nur: Wer zum Essen und Trinken einlädt, muss dies umsonst tun. Ihre Tische aufgestellt haben Vereine, Initiativen, Institutionen (darunter viele kulturelle), Parteien – und sehr viele Bürgerinnen und Bürger.

TISCHSPIELE

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"Cash and Guns" heißt das Spiel, das eine achtköpfige Gruppe von Studentinnen und Studenten an ihrem kleinen Klapptischchen zwischen den Kollegiengebäuden I und IV spielen. Mit den Worten "Nein, wir sind kein Verein, wir sind ganz normale Leute" stellen sie sich vor. In der Tischmitte liegt die Beute: ein Berg von (Spiel-)Geld. Ab und an zielen sie mit Schaumstoffpistolen aufeinander. Bedrohlich geht es aber nicht zu, es wird viel gelacht in der Runde. "Super" sei der Abend, findet Deutsch- und Philosophiestudentin Andrea Schmidt. Spiele gibt es übrigens ganz viele: Schach und "Mensch ärgere dich nicht", Karten, Puzzle und Ratespiele, Flip-Kick, das Verrenkungsspiel Twister und andere.

UNTERHALTUNG AM TISCH

Viele Menschen hocken sich gemütlich zum Plausch hin. Mancherorts wird aber auch ernsthaft und tiefsinnig debattiert, etwa über Lebenskrisen. Bei denjenigen, die nur Flyer auslegen oder auf unkreative Art Werbung in eigener Sache machen, hält sich der Andrang in Grenzen. Daneben gibt es aber viele, die sich was haben einfallen lassen. Reichlich ist das Malangebot an den Tischen. Bei der Freien Schule Kapriole ist eine riesige Papierrolle ausgerollt. Wer will, kann hier beim Verfassen einer Geschichte mitmachen. Aber: Jeder Passant darf nur einen Satz schreiben. Das Ergebnis ist ein äußerst skurriles Stück Literatur, grafisch verziert mit geflügelten Wesen und Kaninchen mit Düsenantrieb, mit Sätzen wie diesen: "Und das eckige Meerschweinchen kam nicht um den Dilemma-Bogen herum und fühlte sich verpflichtet, den kategorischen Imperativ anzuwenden..."

Sein Äußeres verändern kann man am Tisch von Isa Disch und Kasia Vintrici. "Kinderschminken ist ja langsam öde, warum also nicht mal Erwachsenenschminken anbieten?", findet Isa Disch. Um eine gelungene Verwandlung muss man sich keine Sorgen machen: Kasia Vintrici ist Maskenbildnerin am Theater. Hollywood ist das Motto. Männliche Passanten können Elvis Presley, Clark Gable oder Charlie Chaplin werden, die Frauen haben die Wahl zwischen Marilyn Monroe, Amy Winehouse und Audrey Hepburn. Wobei das alles auch mal durcheinander gerät: Eine Frau möchte partout Elvis werden. "Ja, die Frauen sind mutiger", stellt Kasia Vintrici fest. Und deutlich in der Mehrzahl an diesem Tisch. Die Ergebnisse der Verwandlungsaktion sehen Sie hier.

WAS AUF DEN TISCH KOMMT

Zu essen und zu trinken gibt’s reichlich. Die Veranstalter stellen symbolisch Brot und Salz, der Rest bleibt der Kreativität der Gastgeber überlassen. Ob Käse und Wein, Bier und Würstle oder frische Obstspieße, das kulinarische Angebot ist groß. Besonderes wird in der Pfanne der Bildungsküche gebrutzelt, die die Initiative "Schule mit Zukunft" in der Gerberau aufgebaut hat: Hier werden bildungspolitische Anliegen auf hölzernen Spielklötzen aus der Pfanne serviert. Sylvia Kugler und ihre Mitstreiterinnen haben die Zutaten allesamt erst am Vortag zusammengetragen. Sie servieren im geblümten Schürzenkleid. "Die Leute sind alle sehr aufgeschlossen", freut sich Kugler über den regen Betrieb.

TISCHDEKORATION

Die gastliche Tafel gibt’s in vielen Varianten. Winzig klein und riesig groß. Manche haben nur eine Decke auf den Boden drapiert. Die festliche Variante besteht aus weißem und rotem Tischtuch, Kerzenständer, Weinkelchen und Porzellantellern, die schlichte aus Pappbechern und Bierbänken. Schrill mutet die pinkfarbene Flokati-Deko an. Viele haben Kerzen aufgestellt, mitten in der Marienstraße thront eine bunte Stehlampe. Nach Einbruch der Dunkelheit verteilen die Veranstalter rote Tischlampions. Romantik pur.

Autor: Frank Zimmermann