Vereint im Verein

Der Freiburger Verein "CO2-Abgabe" will das Klima retten

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Do, 17. Januar 2019 um 06:00 Uhr

Freiburg

Eigentlich wollten sie keinen Verein gründen – dann taten sie es doch, um ihr Ziel erreichen zu können: Unternehmen zu einem klimafreundlichen Verhalten bewegen.

Eigentlich wollten sie keinen Verein gründen – dann taten sie es doch, um ihr Ziel erreichen zu können: Die Mitglieder des Freiburger Vereins "CO2-Abgabe" setzen sich von hier aus und mit einer Geschäftsstelle in Berlin für eine Abgabe für Treibhausgase wie CO2 in Deutschland ein. Damit sollen vor allem Unternehmen zu klimafreundlicherem Verhalten bewegt werden, indem alle, die – wie bisher weit verbreitet – auf klimaschädliche Varianten setzen, mehr bezahlen müssen. Das überzeugte auch den Gemeinderat: Er stimmte für den Beitritt Freiburgs.

Los ging’s nach einer Diskussion, an der die Elektrizitätswerke Schönau (EWS) und der Energieversorger Badenova teilgenommen hatten, erinnert sich Jörg Lange. Da waren auch er und Martin Ufheil dabei – beide sind seit langem mittendrin im Thema: Jörg Lange ist unter anderem Wasserkundler, Energieexperte und im Vorstand vom Stadtteilzentrum Vauban, Martin Ufheil leitet die Freiburger Niederlassung der GmbH "Solares Bauen", die einst in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für solare Energiesysteme entstanden ist.

Benzin und Flüge sollen teuerer werden

Etwas später kam unter anderem Matthias Seelmann-Eggebert dazu, der als Physiker beim Fraunhofer-Institut für angewandte Festkörperphysik arbeitet und als Mitglied der "Wählervereinigung für Bürgernähe und Umweltschutz" in Au im Gemeinderat sitzt. Gemeinsam mit rund 100 anderen, darunter auch die Familie Sladek von den EWS, waren sie entschlossen, ein Konzept für eine CO2- Abgabe zu entwickeln. Das Konzept würde die derzeitigen Strukturen im Energiebereich komplett verändern, betont Jörg Lange: Komplizierte und bürokratische Regelungen, die viele Ausnahmen vorsähen, entfielen – und damit die Mechanismen, die aus Sicht des Vereins den Ausbau erneuerbarer Energien hemmen und Klimaschädlinge wie Kohle salonfähig machen. Künftig würde es statt mehrerer Abgaben nur eine einzige geben, die CO2-Abgabe. Ihre Höhe richtet sich danach, wie viel Treibhausgase freigesetzt werden.

In der Folge würde unter anderem Benzin – auch das bisher gar nicht besteuerte Flugbenzin – teurer. Für 90 Prozent der Privathaushalte würden die Kosten aber vor allem beim Strom erstmal sinken, sagt Jörg Lange: Stattdessen müsste die Industrie mehr Geld ausgeben als bisher. Dauerhaft müsste die Abgabe steigen, um den Umstieg auf erneuerbare Energien zu finanzieren, doch gleichzeitig sinke mit immer mehr Umstieg auch der Verbrauch an CO2. In dieser Phase sollen Härtefallregelungen verhindern, dass soziale Ungleichheiten durch die Umstellung verstärkt werden.

Die Vereinsmitglieder glauben, dass das gut klappen kann: Oft werde die Behauptung, es entstünden soziale Nachteile durch mehr Nachhaltigkeit, ohnehin nur als Vorwand für weitere Gewinnmaximierung missbraucht, sagt Martin Ufheil: zum Beispiel, wenn Bauträger – von Privatunternehmen bis hin zu Genossenschaften – behaupten, ökologische Bauauflagen müssten hohe Mieten zur Folge haben. "Die Kosten, die sich darauf beziehen, liegen nur bei zwei bis drei Prozent", betont er. Warum konnte sich ein solcher Umstieg nicht längst durchsetzen? Die vielen Lobbyorganisationen, vor allem von großen Industrieunternehmen, verhindern das bisher, sagt Jörg Lange. Darum macht der Verein eigene Lobbyarbeit, hat unter anderem Mitglieder aus allen etablierten Parteien und das Umweltministerium auf seiner Seite und Kontakte in wichtige Gremien.

Weil Kommunen diejenigen seien, die – durch darbende Landwirtschaft und Wassermangel in Hitzesommern – besonders unter dem Klimawandel leiden, werden sie verstärkt angesprochen: Bisher sind fünf Kommunen unter den 900 Mitgliedern, auch Freiburg gehört nun dazu. Die Vereinsmitglieder, die vor allem über die sozialen Medien kommunizieren und ihre Mitgliederversammlung im März in Berlin abhalten, hängen sich an möglichst vielen Orten rein: Vorgesehen sind in den kommenden Wochen Veranstaltungen in Rotenburg an der Wümme und Nürnberg. Und wenn sie ihr Ziel nicht in dieser Legislaturperiode erreichen, wollen sie sich wieder auflösen – denn ihr Verein hat ja nur diesen einen Zweck.
Der Verein
Gegründet: März 2017.
Mitglieder: 900.
Aktivitäten: Einsatz für eine
CO2-Abgabe in Deutschland, durch Veranstaltungen, Kampagnen und Kontakte mit Politikern, Gremien und Unternehmen.
Mitgliedsbeitrag: 60 Euro/Jahr für Privatpersonen, 100 Euro für Verbände und Unternehmen; zudem gibt es für Unternehmen einen Aufnahmebetrag von 10 Euro pro Mitarbeiter und für Kommunen von 1 Cent pro Einwohner (Maximalbetrag je 15 000 Euro).
Kontakt: co2abgabe.de