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10. Juli 2010
Der Mann hinter Dombrowski
Der Kabarettist Georg Schramm war am Donnerstag zu Gast bei "Nachgefragt".
Georg Schramm zu Gast im Vorderhaus. Erstmals trat der Kabarettist hier auf die Bühne. Ja, erstmals. Denn nicht der sich in Rage redende Moralist Lothar Dombroswki steht auf der Bühne, nicht der an sich und der Welt verzweifelnde Rentner August, nicht der Zyniker Oberstleutnant Sanftleben, nicht der nassforsche Motivationstrainer und Unternehmensberater, der zu Recht namenlos durch die Programme von Georg Schramm wandelt – nein, Georg Schramm, ohne Handschuh, Uniformjacke oder Strickweste. Und stellt sich den Rotteck-Schülern Katharina Koch und Paul Teichert bei "Nachgefragt".
Zunächst bleibt Schramm für viele unerkannt. Das liegt nicht nur daran, dass er im Publikum zwischen den Schülern sitzt. Schramm ist als Schramm nie öffentlich zu sehen. Als Katharina Koch und Paul Teichert ihn später eine Maske auspacken lassen und fragen, was ihm die Maskerade bedeutet, räumt er ein: Die Rollen, die er einnimmt, sind eine Art Schutz, in ihnen kann er sich verstecken, kann Dinge sagen, die Georg Schramm zwar auch sagen könnte, aber eben nicht sagen würde. Nicht so. Masken – und die Ironie – schaffen einen Freiraum.Werbung
Emotional am nächsten stehe ihm dabei August, der ein wenig nach dem Vater geraten ist, Dombrowski sei seine Lieblingsrolle, weil er sich in ihr am besten bewegen könne. Hier greift ein im Grunde Wertkonservativer die Verhältnisse von links an. "Das ist argumentativ eine spannende Sache." Mit Sanftleben verbinde er den Beginn seiner Karriere. Sanftleben wurde geboren für ein Fest des Personalrats jener Klinik, in der er gearbeitet habe. Dass er solche Dinge von sich preisgebe, dass er so locker plaudere und Anekdoten erzähle, sagt er dann, "das ist die absolute Ausnahme. Ich mache solche Sachen wie hier sonst nie." Denn für ihn gelte, dass privat auch privat bleibt. Dennoch hatten Katharina Koch und Paul Teichert einiges ausgegraben aus der Biografie des 61-Jährigen und dies mit Bildern anschaulich gemacht – gespickt mit kabarettreifen Anspielungen. Geschickt halten die beiden Schüler mehr als zwei Stunden das Gespräch sicher in Händen, ohne dabei dem Befragten den Raum zu eng zu machen, wechseln Fragen zur Person und zu seiner Arbeit ab, schaffen immer wieder die Verbindung.
Vom "Scheibenwischer" habe er sich verabschiedet, weil man sich nicht mehr auf ein gemeinsames Konzept habe verständigen können, aus der "Anstalt" habe er sich entlassen, weil die Arbeitsbelastung nicht mehr zu schaffen war. Er wolle mehr auf der Bühne stehen, im September hat sein neues – und, kündigte er an, letztes – Soloprogramm Premiere. Eine Rückkehr in die "Anstalt" als Gast? "Nein, man kann nicht gehen und gleich wiederkommen." Das sei er auch Urban Priol schuldig. Er betont ausdrücklich die gute Zusammenarbeit mit seinem ehemaligen Partner, sie sei ein Glücksfall gewesen. Und Schramm lobte das ZDF, das ihm und Priol stets freie Hand gelassen habe. "Die Redaktion hat oft Ärger bekommen, aber das eingesteckt."
Ob er glaube, mit dem Kabarett etwas bewegen zu können. "Ich hab’s befürchtet, dass die Frage kommt", sagt Schramm – und zitiert sein großes Vorbild Dieter Hildebrandt: "Bisher ist noch jedes Kernkraftwerk in Deutschland gegen meinen Protest ans Netz gegangen." Also alles nur gehobene Unterhaltung? Und wo bleibt die Aufklärung? Schramm, der mit der Lach- und Schießgesellschaft sozialisiert wurde, nennt sich selbst als lebenden Gegenbeweis – und dass die Schüler ihn so ernsthaft, gut vorbereitet und klug befragen, sei ja auch ein Zeichen. Echt gerührt ist er dann, als Koch und Teichert eine Videobotschaft von Hildebrandt einspielten, eine Würdigung, einen Glückwunsch. "Da werde ich sentimental, da könnte ich heulen" – was die Schüler doch sehr erstaunt. Aber vielleicht nur, weil sie nicht erwartet hatten, was sich verbirgt hinter Figuren wie Lothar Dombrowski und Oberstleutnant Sanftleben.
Autor: Franz Schmider
