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24. Oktober 2015

Der Mann mit dem guten Ton

LEUTE IN DER STADT: Wolfgang Michalke-Leicht ist Diplom-Theologe und der neue Leiter des Goethe-Gymnasiums.

  1. Wolfgang Michalke-Leicht Foto: R. Eggstein

Von Chefallüren keine Spur: sanfte Stimme, ausgesprochen höfliche Umgangsformen. Seit Anfang des Schuljahres ist der schlanke Mann in Jeans und blauem Sakko der neue Leiter des Goethegymnasiums. Das Telefon klingelt, eine Schülerin hat ein Anliegen. "Das ist hier wie ein Taubenschlag", sagt Wolfgang Michalke-Leicht, noch immer etwas verwundert. "Als normaler Lehrer kriegt man das gar nicht so mit."

Das ist der Diplom-Theologe zuvor zehn Jahre lang an dieser Schule gewesen, davon drei als Abteilungsleiter für die geisteswissenschaftlichen Fächer. Allmählich gewöhnt er sich an den Perspektivenwechsel. "Jemand muss auf der Brücke stehen", bemüht er ein Bild aus seiner Geburtsstadt Papenburg im Emsland, wo die berühmte Meyerwerft ihre Kreuzfahrtschiffe baut. Aber ausgerechnet ein Steuermann, der ausschließlich katholische Religion unterrichtet, die im Fächerkanon eines staatlichen Gymnasiums nicht gerade einen herausragenden Stellenwert einnimmt? Er hätte sich nicht darum beworben, sagt er, wenn ihn nicht "ein Tsunami an Unterstützung" von Eltern, Kollegen und aus der Schülerschaft dahin getragen hätte. "Ich scheine einen guten Ton getroffen zu haben".

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Zu den Markenzeichen des eloquenten Gesprächspartners gehört auch, dass Theorie und Praxis sich bei ihm auf das Trefflichste ergänzen. Nicht nur, dass die Religionspädagogik nach dem Studium in Frankfurt und Freiburg Gegenstand seiner Dissertation gewesen ist. Er hat sich engagiert in der Lehrerfortbildung, als Herausgeber von Unterrichtswerken und war sieben Jahre lang mit einem Teildeputat als Referent am katholischen Institut für Religionspädagogik tätig. Schulentwicklung gehört für den Staatsbeamten zum täglichen Brot.

Das eigene Fach sähe er – als Reaktion auf die demografische Realität – gerne ergänzt um islamischen Religions- und um Ethikunterricht. Bloße Wertevermittlung ist dem Theologen zu wenig. Ihm geht es um "Sinnvermittlung". Vor allem auch im konfessionellen Religionsunterricht. "Das ist ja keine Betstunde." Hier lasse sich "im Fremden das Eigene" erkennen. Dazu hat er im Privatleben genügend Gelegenheit: Seit 1989 ist er mit der evangelischen Stadtpfarrerin Irene Leicht verheiratet – ein seit 26 Jahren andauerndes "Experiment".

Er möchte – so hat er es sich vorgenommen – ein "pädagogischer Schulleiter" sein, ohne die Verwaltung zu vernachlässigen, für die er mit seinem Stellvertreter und drei Abteilungsleitungen ein gutes Team habe. Die "pädagogische Dimension" möchte er im Sinn des neuseeländischen Pädagogen und Erziehungswissenschaftlers John Hattie in der akademisch geprägten Tradition des Gymnasiums gestärkt wissen, indem er "das Lernen sichtbar macht" (so der Name der berühmten Hattie-Studie). Für eine neue Lern- und Feedbackkultur möchte der "Steuermann" sein 66-köpfiges Kollegium gewinnen, um der wachsenden Heterogenität unter den etwa 600 Schülerinnen und Schülern gerecht zu werden. Sie wird derzeit bereichert um die erste Vorbereitungsklasse für Flüchtlinge an einem Freiburger Gymnasium. Wöchentlich kämen zwei bis drei neue Schülerinnen und Schüler dazu. "Wir haben an dieser Schule gelernt, unaufgeregt mit Vielfalt umzugehen, weil ohnehin viele eine Zuwanderungsgeschichte mitbringen."

Wie seine Vorgängerin ist Michalke-Leicht ein "passionierter Querflötenspieler". Mit acht Geschwistern ist er aufgewachsen, alle hätten ein Instrument gelernt. Er ist überzeugt: "Wer musiziert, lernt leichter."

Autor: Anita Rüffer