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02. März 2015

Integration

Deutsch-türkische Biografiegespräche gegen Vorurteile

Biografiegespräche: Deutsch- und Türkeistämmige erzählen einander ihr Leben.

A.* trägt Kopftuch, Fatima nicht. A. schreibt an ihrer Promotion in Betriebswirtschaft, Fatima macht sich als Schneiderin selbständig. Auch Marianne näht gerne. Sie lebt allein, wie Cem, der wie A. Akademiker ist, Politikwissenschaftler. Martin ist verheiratet, ein Familienmensch mit drei Kindern und sieben Enkeln. Unterschiede und Gemeinsamkeiten, die quer liegen zur ethnischen Herkunft. Zu entdecken bei den deutsch-türkischen Biografiegesprächen, die im Herbst zum zweiten Mal im Studienhaus Wiesneck stattfanden. 2015 stehen zwei weitere Gesprächsrunden an.

Zehn einander unbekannte Frauen und Männer haben sich auf das Abenteuer eingelassen, einander aus ihrem Leben zu erzählen. Geschichten zwischen Krieg und Frieden, Heimat und Fremde, Deutschland und der Türkei. Zum Beispiel A.: Sie wuchs in Schwaben als Nachzüglerin in einer Gastarbeiterfamilie auf und wurde mit neun Jahren in die Türkei verpflanzt: "Mein Vater wollte nicht noch ein Kind an die deutsche Kultur verlieren." Aber sie sprach nicht gut Türkisch, fühlte sich fremd und mit ihrem Kopftuch in der Schule diskriminiert. Mit 19 ging sie zum Studieren zurück nach Deutschland – und bekam fürchterliches Heimweh. Heute ist sie 30 Jahre alt, gläubige Muslimin, berufstätig. Und fühlt sich hin- und hergerissen zwischen ihren beiden Heimatländern. Dafür hat sie eine passende Formulierung: "Ich bin hier zugewachsen."

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Oder Martin: Im Krieg geboren und zunächst ohne Vater aufgewachsen, wurde der kleine Junge eines Tages mit einem "Papa" konfrontiert, der ihm fortan das Leben schwer machte. Unter anderem deshalb, weil dieser fremde Mann amerikanischer Abstammung war und mit dem Gedanken spielte, mit der Familie in die USA auszuwandern – "ein Damoklesschwert, das immer über mir schwebte", sagt der 71-Jährige rückblickend. Er wurde als Atheist erzogen und ist heute in der evangelischen Gemeinde engagiert; wuchs in schwierigen Familienverhältnissen auf und entschied sich als Erwachsener "bewusst für ein ganz bürgerliches Leben".

Deutsch-türkische Biografiegespräche, initiiert vom Ost-West-Forum Gut Gödelitz, gibt es in 19 Städten bundesweit. Warum? Seit einem halben Jahrhundert sind Türken in Deutschland zu Hause, in Freiburg leben gut 2600 Menschen türkischer Herkunft. Viele von ihnen haben noch nie die Wohnung ihrer deutschen Nachbarn betreten – und umgekehrt. Vorurteile und Klischees beherrschen das Bild auf beiden Seiten. Damit sich das endlich ändert, finanziert die Stadt zusammen mit der Baden-Württemberg-Stiftung das Projekt. Nach den Erzähl-Wochenenden treffen sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer regelmäßig, so dass ein wachsendes Netzwerk entsteht.

"Vor zwei Tagen kannten wir uns noch nicht und jetzt sind wir uns so nahe gekommen", staunt A. am Sonntagnachmittag. "Ich kann viele Lehren aus dem ziehen, was ich gehört habe, zum Beispiel aus den Geschichten vom Krieg in Deutschland." Und mit einem Blick in die Runde fügt sie an: "Danke, dass ihr mir solches Vertrauen entgegengebracht habt." Martin gesteht: "Ich bin überrascht von den türkischen Lebensläufen und beeindruckt von der Rolle der türkischen Frauen, von denen hier die Rede war: starke, gar nicht so unterdrückte Frauen, wie ich mir das vorgestellt hätte." Und Cem bilanziert: "Es gibt keine türkischen oder deutschen Biografien, es gibt einfach Biografien."

*alle Namen geändert

Biografiegespräche 2015: 14./15. März und 19./20. September, Teilnahme kostenlos. Interessenten können sich bei den Moderatoren melden: Türkan Karakurt, Tel. 0173/5154292, E-Mail: tuerkan6@gmx.de; Ibrahim Sarialtin, Tel. 0170/7762635, E-Mail: ibrahimsarialtin@hotmail.com; Ulrike Schnellbach. Tel. 0761/4880195, E-Mail: ulrike.schnellbach@googlemail.com.

Autor: Ulrike Schnellbach