Initiative "Wiehre für alle"

Unklare Zukunft in der Quäkerstraße belastet die Bewohner

Thomas Goebel

Von Thomas Goebel

Sa, 06. Oktober 2018 um 12:11 Uhr

Freiburg

Die Familienheim will ihre Häuser durch Neubauten ersetzt. Jetzt hat die Initiative "Wiehre für alle" Bewohnerinnen und Bewohner an der Quäkerstraße befragt.

Die unklare Zukunft ihrer Wohnungen stellt für die Bewohner der Familienheim-Häuser zwischen den beiden Wiehrebahnhöfen eine Belastung dar, die sich häufig sogar auf den Gesundheitszustand auswirkt: Zu diesem Ergebnis kommt die Anwohnerinitiative "Wiehre für alle" in einer Befragung. In der Quäkerstraße 1-9 hat die Stadt derweil zehn Wohnungen vorübergehend von der Familienheim als Notunterkünfte angemietet.

Die Häuser sollen durch Neubauten ersetzt werden

Im September hatten die Bewohnerinnen und Bewohner der rund 300 Wohnungen Fragebögen in ihren Briefkästen. "Wir haben uns sozusagen selbst befragt", erklärte Frauke Stablo von "Wiehre für alle" am Donnerstag auf einer Pressekonferenz der Initiative. Über die Zukunft der Wohnungen streiten Bewohner und die Baugenossenschaft Familienheim seit über einem Jahr. Nach Plänen der Genossenschaft solle das gesamte, mietgünstige Quartier zwischen Türkenlouis- und Adalbert-Stifter-Straße Neubauten weichen, sagte Stablo. Das habe die Familienheim in Gesprächen mit Bewohnern deutlich gemacht: Erst komme die Quäkerstraße 1-9 dran, "die anderen Wohnungen sollen später abgerissen werden, von den Plänen rückt der Vorstand immer noch nicht ab".

Diese Pläne gebe es gar nicht, betont dagegen die Vorsitzende Anja Dziolloß auf BZ-Nachfrage: Die Häuser Quäkerstraße 1-9 mit 42 Wohnungen wolle die Familienheim durch Neubauten ersetzen, weil sie nicht sinnvoll saniert werden könnten. "Der Rest wird gutachterlich untersucht, mit offenem Ausgang."

Die Bewohnerinitiative "Wiehre für alle" spricht dennoch von einem Gentrifizierungsprozess, der bereits jetzt gravierende Folgen im Quartier habe: 81 Prozent der Haushalte hätten in der Befragung angegeben, dass sie den drohenden Verlust der Wohnung als emotionale Belastung empfinden, 30 Prozent hätten wegen der aktuellen Situation über einen längeren Zeitraum hinweg bereits schlecht geschlafen.

Kritik an Kommunikation der Familienheim

Bei rund einem Drittel habe sich im vergangenen Jahr der allgemeine Gesundheitszustand verschlechtert, bei der Gruppe der Einzelhaushalte von Frauen über 65 Jahren lag dieser Wert laut der Erhebung sogar bei über 50 Prozent.

Die Ergebnisse beruhen auf einem für derartige Befragung hohen Rücklauf der Fragebögen von 53 Prozent, so die Initiative. 71 Prozent der Teilnehmer lebten in Einfamilienhaushalten, 63 Prozent wohnten schon länger als fünf Jahre im Quartier, im Durchschnitt seit 13 Jahren. 92 Prozent gaben an, auf die erschwingliche Miete angewiesen zu sein. Nahezu alle Teilnehmer sehen ihre Wohnung als "Ort der Geborgenheit", 90 Prozent gaben an, dass ihnen soziale Kontakte im Wohnumfeld wichtig seien, 92 haben den Eindruck, dass das Quartier im vergangenen Jahr stärker zusammengewachsen sei. Von der Familienheim fühlen sich laut Auswertung der Initiative dagegen nur wenige ernst genommen (16 Prozent) und in der Kommunikation respektvoll behandelt (14 Prozent).

"Ich kann an mir selbst bemerken, dass eine Unsicherheit entsteht, die ich teilweise körperlich spüren kann", beschrieb Bewohnerin Ariane Mauser auf der Pressekonferenz ihre aktuelle Situation: "Das Quartier ist wie ein kleines Dorf, es gibt ein Gefühl von Heimat." Laut Bertold Albrecht von der Initiative hätten die Menschen im Quartier schlicht Angst davor, dass ihnen das "lebendige Wohnen" dort genommen werde: "So etwas passiert sonst in Kriegen."

Stadt Freiburg hat zehn der 42 Wohnungen angemietet

Die Initiative "Wiehre für alle" befindet sich laut Frauke Stablo zurzeit in einer "Abwartehaltung". Im Sommer hatte die Familienheim mitgeteilt, dass sie die Pläne für den Abriss der Quäkerstraße für ein Jahr ruhen lässt – bis der Gemeinderat über eine Erhaltungssatzung für das Gebiet entschieden hat.

Die Stadt Freiburg hat unterdessen zehn der 42 Wohnungen in der Quäkerstraße von der Familienheim zwischengemietet. Sie waren durch Auszüge frei geworden und werden von den Sozialdiensten des Sozial- und Migrationsamtes genutzt, um für das Jahr Familien aus städtischen Notunterkünften und Flüchtlingswohnheimen unterzubringen.