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10. März 2016

Gastfamilien

Die erste Generation UWC-Schüler verlässt Freiburg: Abschied vom Familienmitglied auf Zeit

Birak Kassahun aus Äthiopien, Schüler am United World College, hat in Freiburg bei Martin Destruelle eine Ersatzfamilie gefunden.

  1. Enzo, Martin Destruelle und Birak Kassahun (von links) Foto: rita eggstein

Alles ist wie immer: Es kommen viele Gäste, und mittendrin sitzt Birak Kassahun (19). Das Feuer vom Grill sorgt im Garten von Martin Destruelle in der Kleingartenanlage nahe der Eschholzstraße trotz des kühlen Wetters für erträgliche Temperaturen. Es gibt Fleisch und Baguette. Seit eineinhalb Jahren hat Birak Kassahun einige solcher Feiern erlebt: Als er aus Äthiopien ans United World College (UWC) kam, wurden Martin Destruelle, dessen Frau und ihr Sohn seine Ersatzfamilie. Kürzlich haben sie Abschied gefeiert.

Es ist eine verfrühte Party. Denn bevor Birak Kassahun Ende Mai Freiburg verlässt, wird er Martin Destruelle, seinen Sohn Enzo (14) und seine Frau Sylvia Kuba noch mehrmals sehen. Zum Beispiel wollen sie, wie schon oft, zusammen zum Langlaufen auf den Notschrei fahren und zum Spiel des SC Freiburg gegen St. Pauli gehen. Doch jetzt bei der Abschiedsparty kommen auch die vielen Freunde von Martin Destruelle und seiner Familie vorbei, die Birak Kassahun alle kennengelernt hat in der Zeit seit Herbst 2014. Er unterhält sich abwechselnd mit ihnen, immer auf Englisch, das ist auch die Kommunikationssprache mit seiner Gastfamilie. Ungefähr jeden zweiten Monat hat Birak Kassahun etwas mit seiner deutschen Gasteltern unternommen, außerdem hat er über Weihnachten immer zwei bis drei Wochen dort gewohnt. "Das war toll", sagt Martin Destruelle strahlend, für ihn ist sein Gast längst ein Familienmitglied geworden. Sein Sohn Enzo hatte erst zurückhaltend reagiert, als seine Eltern sich beim UWC gemeldet hatten. "Aber dann wurde es richtig gut", erzählt Enzo.

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Dass Birak Kassahun fünf Jahre älter ist als er, war nie ein Problem, die beiden verstanden sich einfach. Und weil Birak Kassahun für sein Alter sehr "erwachsen" sei, habe er sich auch mit den Freunden seiner Gasteltern sofort wohl gefühlt, sagt Martin Destruelle. Ihn begeistert das Projekt UWC und die Idee, dass gegenseitiges Kennenlernen von Schülern aus aller Welt zu mehr Frieden führt.

Früher ist der Informatiker viel gereist, durch Europa, Asien und Australien, nun wollte er etwas zurückgeben von der großen Gastfreundschaft, auf die er überall gestoßen war. Das war besonders spannend, weil er und seine Familie durch ihren Gast viel über Äthiopien erfahren haben: "Das Leben dort ist viel stärker auf die Familie bezogen als hier, und es ist ein hartes Leben", sagt Martin Destruelle. Obwohl Birak Kassahun aus einer für äthiopische Verhältnisse wohlhabenden Familie stamme, sei es undenkbar gewesen, dass ihn jemand seiner Verwandten in Freiburg hätte besuchen kommen können. Auch Birak Kassahun war früher nie im Ausland. In Freiburg war alles erst sehr fremd, erzählt er: "Aber fremd im guten Sinne, ich war neugierig."

Über vieles staunte er, zum Beispiel an Weihnachten: "In Deutschland gibt es so viele Traditionen, mit dem Baum, Geschenken, Weihnachtsliedern. Bei uns kommen die Menschen nur zum Essen zusammen." Jetzt freut er sich zwar, dass er seine Eltern, den älteren Bruder und die zwei jüngeren Schwestern daheim bald wieder sehen wird. "Doch uns wird er sehr fehlen", bedauert Martin Destruelle und umarmt ihn. Er hofft, dass sein Gastsohn wiederkommt, um in Freiburg zu studieren. Birak Kassahun will entweder Ingenieur werden oder Wirtschaftswissenschaften studieren, in Deutschland oder den USA. "Und irgendwann besuchen wir dich in Äthiopien", kündigt Martin Destruelle an, "wir möchten so gern mal deine Familie kennenlernen!"

Gastfamilien: Ab September sucht das UWC wieder Gastfamilien für neue Schülerinnen und Schüler aus aller Welt. Voraussetzung ist, dass die Familien bis Sommer 2018 mindestens vier Wochenenden mit ihrem Gast gestalten. Infos unter gastfamilie. uwcrbc@gmail.com

Autor: Anja Bochtler