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07. Juli 2017

Die etwas andere Diskussion

Studierende der Katholischen Hochschulgemeinde animieren Bundestagskandidaten zum Gespräch.

  1. Bundestagskandidaten auf dem Podium in der KHG Foto: Klaus Riexinger

Vor wichtigen Wahlen wie der Bundestagswahl müssen aussichtsreiche Kandidaten eine ganz besondere Disziplin bewältigen: Podiumsdiskussionen. Da sitzen sie dann in immergleicher Runde, könnten die Antworten ihrer Mitbewerber quasi mitsprechen und warten auf die Gelegenheit, die eigenen Schlagworte zu platzieren. Fürs Publikum ist das nicht immer erhellend.

So was wollen wir nicht, hatten Studierende der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) beschlossen. Sie hatten stattdessen die Bundestagskandidaten Tobias Pflüger (Die Linke), Volker Kempf (AfD), Kerstin Andreae (Grüne), Matern von Marschall (CDU), Julien Bender (SPD) und Adrian Hurrle (FDP) zu einem Experiment eingeladen: Statt Wahlkampfstatements abzugeben sollten die Bewerber über Werte sprechen – über ihre eigenen und ihren Umgang mit fremden, über Menschenwürde, Nächstenliebe, Religion. Ein Gespräch über Grundsätzliches sollte sich entwickeln, "ruhig mit ein bissl’ Dynamik", wie es Hochschulpfarrer Sebastian Tönnesen formulierte.

Beraten und unterstützt wurden die Studierenden dabei von BZ-Chefredakteur Thomas Fricker, der am Mittwoch auch mit auf dem Podium saß. Der große Saal der KHG an der Lorettostraße war voll, die Erwartungen groß, das Risiko, zu scheitern, auch. Um es vorweg zu nehmen: Das Experiment glückte – auch, weil die Kandidaten sich drauf einließen.

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Welche Werte sind den Bewerbern wichtig? An ihren Antworten mussten sie sich messen lassen. Wie, fragte etwa Mit-Moderator Tobias Bartole von der KHG, könne Matern von Marschall seine Achtung vor der Würde des Menschen damit vereinbaren, dass er bei der Ehe für Alle mit Nein gestimmt habe? Er respektiere die parlamentarische Mehrheit, aber man könne unterschiedliche Sichtweisen haben, erwiderte Marschall. Oder: Wie könne Volker Kempf christliche Werte propagieren und gleichzeitig gegen die Aufnahme weiterer Geflüchteter sein, wollte Mit-Moderatorin Theresa Lennartz wissen. "Es gibt einen Konflikt zwischen Helfenwollen und Sachgesetzlichkeiten", erwiderte Kempf, "aber wer hilft, muss das Heft des Handelns in der Hand halten."

Aus solchen Antworten entwickelten sich tatsächlich Gespräche zwischen den Bewerbern, auch dank der freundlichen, kritisch nachfragenden Moderatoren. Und es kristallisierten sich die Werte und Themen heraus, wegen derer die Bewerber in den Wahlkampf gehen. Solidarität, Frieden und eine sozial ausgeglichene Gesellschaft, das ist Tobias Pflüger wichtig – und der Satz von Papst Franziskus: "Diese Wirtschaft tötet." Volker Kempf schätzt Ehrlichkeit, Verantwortungsbewusstsein, Besonnenheit, Höflichkeit, harte Arbeit und Mut; er sieht sich als Teil der Gegenbewegung zum grassierenden Werteverfall. Globale Gerechtigkeit ist das Thema von Kerstin Andreae, dazu gehörten der Umbau der eigenen und die Entwicklung armer Gesellschaften. Matern von Marschall findet: "Menschen sind fehlerhaft, aber man muss immer neu zusammen anfangen können." Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität sind für Julien Bender zentral, und die gleichen Lebenschancen für alle. Adrian Hurrle wiederum hält Freiheit für den wichtigsten Wert: Es gelte, eine offene, pluralistische Gesellschaft zu erhalten.

Gut anderthalb Stunden gingen mit Fragen, Antworte, Erwiderungen und Nachhaken vorbei. Und am Ende bedankten sich die Kandidaten sogar bei den Organisatoren: Diese Podiumsdiskussion, meinten alle, sei endlich mal anders gewesen.

Autor: Simone Lutz