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03. April 2009

"Die Gewalt des Ortes war zu spüren"

Ein Zug-Gleis – einst Ausgangspunkt für Deportationen – war vier Tage lang Ausstellungsraum.

Auf die Minute pünktlich zog die fauchende Dampflok am Mittwoch um 20.15 Uhr den "Zug der Erinnerung" aus Gleis 8 des Freiburger Hauptbahnhofs – und brachte ihn gestern kurz nach 1 Uhr morgens an seinen nächsten Halt in Konstanz. Die vier Tage, an denen die rollende Ausstellung in Freiburg Station gemacht hatte, waren ein "überwältigender Erfolg", wie Marlies Meckel sagt, eine der vielen, die dazu beigetragen haben, diesen Zug nach Freiburg zu holen. 7540 Besucher sahen hier die Ausstellung, 120 Schulklassen kamen. Und es wurde – zusätzlich zu den 7000 Euro von der Stadt – so viel Geld gespendet, dass der Zug vermutlich in Freiburg nicht "draufzahlen" musste.

14 000 Euro hatten die Veranstalter der ebenso bewegten wie bewegenden Ausstellung für den Stopp in Freiburg veranschlagt: Die Bahn nämlich kassiert für die Benutzung von Gleisen und Bahnhöfen. Die Geschichte und die Geschichten, denen man in den Waggons dieses Zuges begegnet, fanden in der Zeit des Naziterrors statt. Für die Ausstellung wurden Dokumente und Fotos von Kindern und Jugendlichen zusammengetragen, Lebenszeichen und Lebensläufe von jungen Menschen, die verschleppt und ermordet wurden.

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"Ich finde das alles ganz schrecklich", notiert Janine im Gästebuch der Ausstellung. Und Christof Schäfer schreibt an die Veranstalter, dass ihn empört, "dass die Deutsche Bahn für diese Ausstellung Geld einsteckt, wie es die Reichsbahn damals für den Transport der Menschen in den Tod verlangte". Er war mit einer Schulklasse im "Zug der Erinnerung" und sieht die Ausstellung als etwas Besonderes und Einmaliges: "Die ganze Gewalt und Macht des Ortes und der Einheit Eisenbahn/Schiene/Waggon waren direkt zu spüren."

Auch die Begleitveranstaltungen, die in Freiburg von einem breiten Unterstützerkreis organisiert und finanziert wurden, waren sehr gut besucht, häufig mussten sich noch etliche mit Stehplätzen begnügen. Und Stehvermögen musste auch zeigen, wer in Freiburg die Ausstellung sehen wollte: Bis zu zwei Stunden Wartezeit waren da keine Seltenheit. Mit ihrer Geduld und ihrem klugen Interesse seien vor allem auch die jungen Besucher aufgefallen, sagt Marlies Meckel: "Diese Ernsthaftigkeit der jungen Menschen war faszinierend." Bewegt waren alle, jung und alt, und immer wieder stellte jemand fest: "Klar frieren wir hier, aber die, die wir hier in der Ausstellung kennenlernen, die haben viel mehr gefroren. Und die kamen nie wieder in ihr warmes Zuhause."

www. zug-der-erinnerung.eu

Autor: lit