Ein Kampf gegen das Wegschauen

Anika Maldacker

Von Anika Maldacker

Di, 12. Juni 2018

Freiburg

LEUTE IN DER STADT: Benjamin Ottstadt will mit einer Initiative gegen sexuellen Missbrauch von Kindern kämpfen.

FREIBURG. Den großen Medienrummel hat Benjamin Ottstadt an diesem Montagmorgen verpasst. Dabei hätte es die Gelegenheit sein können, seine Initiative gegen sexuellen Missbrauch von Kindern bekannter zu machen. N-tv, Süddeutsche Zeitung, SWR – sie alle waren da. Ottstadts Schwester hatte die erste Mahnwachen-Schicht übernommen. Deshalb war sie es, die von Journalisten befragt wurde. Sie musste vor den Kameras erklären, warum sie an einem Junimorgen vor der Salzstraße 17 steht und Transparente hält, die Schutz vor Wiederholungstätern fordern.

Dabei war die Initiative "Aktiv gegen sexuellen Missbrauch an Kindern" Benjamin Ottstadts Idee. Und die geht direkt auf den Fall zurück, der an diesem Montagmorgen hinter den Türen des Freiburger Landgerichts verhandelt wird. Während im Sitzungssaal IV die Verhandlung gegen die beiden Hauptverdächtigen im Staufener Missbrauchsfall läuft, steht Benjamin Ottstadt am Nachmittag vor dem weißen Justizgebäude. Seine beiden Söhne, 13 und 11, begleiten ihn. Am Vormittag war Ottstadt, der als Lehrer arbeitet am Gymnasium Schönau. Dort unterrichtet der 38-Jährige Biologie, Sport, Naturwissenschaft und Technik und Ethik. An diesem Nachmittag ist er Aktivist – für ein Thema, gegen das kaum jemand überhaupt öffentlich eintritt.

Auslöser der Initiative war der Staufener Missbrauchsfall. Doch der war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. "Ich habe schon davor immer wieder, wenn ich von Missbrauch von Kindern gehört habe, zu meiner Frau gesagt: Da müssen wir doch was tun!", sagt Ottstadt. Als der gewerbsmäßige Missbrauch des Neunjährigen in Staufen dann ans Licht kam, tat der Lehrer aus March-Hugstetten was: Er meldete eine Demo an. "Da wurde es ernst", erinnert sich Ottstadt. Seine Familie stieg sofort mit ein: Ehefrau, Schwester, Mutter, Vater, Kinder – alle malten Transparente, entwarfen Flyer. Ende April gingen sie in Freiburg auf die Straße. "Da sind rund 180 Leute auf der Demo mitgelaufen", sagt Ottstadt. Danach wollten sie als Aktivisten weitermachen und organisierten Mahnwachen für fast jeden Tag, an dem einer der verurteilten oder mutmaßlichen Täter vor Gericht kam.

Aber aktive Mitstreiter zu gewinnen, sei gar nicht so einfach, sagt Ottstadt. "Viele finden unsere Idee gut, wollen sich aber nicht verpflichten." Es gebe aber auch Leute, die sich öffnen. "Seit ich die Initiative ins Leben gerufen habe, kenne ich circa 15 Menschen, die missbraucht wurden", sagt Ottstadt. Davor habe er nur eine Person gekannt. Am meisten bestärken ihn in seinem Vorhaben Passanten, die schnell vorbeilaufen. "Sexueller Missbrauch ist ein Tabuthema. Die meisten denken, sie seien davon nicht betroffen", sagt Ottstadt. Dabei gebe es genug Statistiken, die von einer hohen Dunkelziffer ausgingen. An diesem Nachmittag bleiben wenige Passanten vor den Transparenten stehen.

Ottstadt will aufklären und das Thema in die Öffentlichkeit bringen. "Wer nichts tut, toleriert" – mit diesem provokanten Satz will er Menschen dazu bringen, sich ihm anzuschließen. Daher soll es nach der gerichtlichen Aufarbeitung der Missbrauchsfälle weitergehen: Im September wollen die Aktivisten wieder gegen sexuellen Missbrauch von Kindern demonstrieren – danach monatlich.