Ein Konzept, das weltweit funktioniert

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Di, 06. Mai 2014

Freiburg

Was verbindet Familienzentren in Deutschland und der Türkei? Eine Ausstellung gewährt Einblicke.

Sie leben in Stuttgart oder im türkischen Gaziantep. Und sie treffen sich mit ihren Kindern und untereinander: in Räumen, die ihnen allen gehören. Welche Bedeutung Mütter- und Familienzentren haben, zeigt die Ausstellung "Unser Raum – Bizim Yerimiz" mit 27 Porträts und Texten, die bis zum 20. Juni beim "Bündnis für Familie" zu sehen sind. Beim Auftakt am Freitagabend waren Frauen und Männer vom Familienzentrum Klara im Stadtteil Stühlinger dabei.

Ihre Geschichten sprechen für sich: Frauke Stablo kam zuerst, weil sie Kontakte für sich und ihr erstes Kind suchte. Sie blieb hängen, weil ihr die Offenheit im Familienzentrum Klara gefiel. Inzwischen sind ihre Kinder zwei und fünf Jahre alt, sie bringt sie in die Spielgruppe, wenn sie Entlastung braucht. Und ihr Engagement für sich und andere gibt ihr die Anerkennung, die sie derzeit ohne Erwerbstätigkeit sonst nicht hätte.

Auch Houda Radi kommt oft mit ihren zwei Kindern (ein und vier Jahre alt) vorbei. Ihre Eltern und ihr Mann stammen aus dem Libanon, sie ist in Deutschland aufgewachsen und genießt "die tolle Atmosphäre", die unterschiedlichen Menschen und Angebote im Familienzentrum Klara.

Zum bunten Programm dort trägt unter anderem Joseph Petzold bei, der samstags die "Papa-Zeit" leitet, eine Gruppe für Väter und ihre Kinder. Er hat zwei Kinder, die vier Jahre und fünf Wochen alt sind und wünscht sich mehr Väter, die aktiv werden. Bisher sind Männer in Familienzentren immer noch eine Minderheit. Das bedauert besonders eine alleinerziehende Mutter, die zum Alleinerziehenden-Treff kommt und vergeblich männliche Vorbilder für ihren 15-jährigen Sohn sucht. Das wäre umso wichtiger, weil der Vater des Sohnes im Gefängnis lebt und der Kontakt zu ihm belastet ist. Der Weg von reinen Mütter- zu echten Familienzentren ist zwar immer noch weit, doch die Richtung ist klar: Nicht nur Männer werden dringend gebraucht, sondern auch Ältere, betont Andrea Laux vom Eltern-Kind-Zentrum Stuttgart-West: "Der intergenerative Dialog wird immer wichtiger." Als sie 1986 als Mutter eines damals dreijährigen Sohnes ein Mütterzentrum mitgegründet hatte, war ihr noch nicht klar, dass das Konzept genauso gut in anderen Ländern funktioniert.

Diejenigen erreichen, die nicht in VHS-Kurse kommen

Inzwischen ist sie überzeugt: "Überall suchen Familien nach eigenen Räumen in ihrem Quartier, die sie selbst gestalten und wo sie sich auf Augenhöhe begegnen können." Wie wichtig diese Form der Familienbildung ist, die gerade auch diejenigen erreichen kann, die nie zu Erziehungs-Kursen in die Volkshochschule kommen, hätten längst Studien bewiesen: "Eigene Räume geben Sicherheit und die Möglichkeit, selber und mit anderen etwas zu schaffen." Derzeit gibt"s Familienzentren in 26 Ländern, neu dabei sind Slowenien und Argentinien. Die deutsch-türkische Ausstellung, die Andrea Laux mit Uta Linß vom Familienzentrum Klara nach Freiburg gebracht hat, zeigt die vielen Gemeinsamkeiten.
In Freiburg gibt’s sehr unterschiedliche Familienzentren. Zu solchen wie dem Familienzentrum Klara, die sich aus Mütterzentren der 1980er Jahre entwickelt haben, gesellen sich immer mehr Kitas, die zu Anlaufstellen werden, und das Mehrgenerationenhaus in Weingarten. Diese Vielfalt soll bleiben, sagt Marianne Haardt, die Leiterin des Amts für Kinder, Jugend und Familie. Andrea Laux dagegen rät dazu, verbindliche Qualitätsstandards anzustreben. Dabei helfen könnten 16 000 Euro von der Landesregierung, einem Zuschuss des "Stärke"-Programms.

Ausstellung "Unser Raum": Bis 20. Juni beim "Bündnis für Familien", Kaiser-Joseph-Straße 268, dienstags 10 bis 12 Uhr, mittwochs 16 bis 18 Uhr, und nach Anmeldung unter Tel. 0761/12023109. Eintritt frei.