Leute in der Stadt

Otto Herz kämpft weiter für seine reformpädagogischen Ideen

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Do, 23. Februar 2017

Freiburg

Inzwischen sagen den Satz viele: „Inklusion ist eine Haltung.“ Doch der bekannte Pädagoge Otto Herz, der in den 1970ern die Bielefelder Laborschule mitgründete, glaubt, dass er ihn als einer der Ersten etabliert hat. Da passte es, dass er die gleichnamige Ausstellung vom Verein „Bildung neu denken“ in der Stadtbibliothek besuchte.

Der fast 73-Jährige kämpft nach wie vor leidenschaftlich für seine reformpädagogischen Ideen – auch wenn ihn die Missbrauchsskandale seiner geliebten Odenwaldschule erschüttert haben.

Er selbst ist der beste Beweis dafür, was Schulen bewirken können – an Gutem und Schlechtem. Otto Herz wurde im März 1944 in Weinheim an der Bergstraße geboren. Er wuchs als Sohn eines Soldaten und Maurers und einer in den Kriegs- und Nachkriegsjahren zunächst alleinerziehenden Mutter auf, die sich und die Kinder als Sekretärin durchbrachte. Nachdem die Lehrerin seines begabten Bruders erfolgreich dafür gekämpft hatte, ihn aufs Gymnasium zu bringen, landete dort auch Otto Herz.

Doch das ging nicht gut. "Das lernst du nie", trichterte ihm sein Lateinlehrer immer wieder ein, "du gehörst nicht auf diese Schule", sagte ihm sein Mathelehrer Tag für Tag. Er galt als "dumm, faul und frech", bilanziert Otto Herz – sein "Frechsein" sei "Rebellion aus Verzweiflung" gewesen, die Dauerdemütigung habe ihn fast zum Suizid getrieben. Gerettet haben ihn der Sport und seine evangelische Jugendgruppe. Mit 15 Jahren flog er vom Gymnasium. Es folgten zwei Jahre Handelsschule und der Beginn einer kaufmännischen Ausbildung in der Schuhabteilung des Unternehmens Freudenberg. Ausgerechnet dort gab es die Heiner- und Walter-Freudenberg-Stiftung, die Lehrlingen mehr Bildungschancen verschaffen wollte. Das war noch vor der Zeit, als die 1968er-Bewegung das "katholische Arbeitermädchen vom Land" als Inbegriff für Benachteiligung entdeckte.

Sein Chef brachte den 17-jährigen Otto Herz als Industriestipendiaten an die Odenwaldschule. Und da beginnt Otto Herz zu schwärmen: "Grandios", sei die Odenwaldschule für ihn gewesen. Weil er endlich lernen konnte, was ihn interessierte, nebenher eine Schreinerlehre abschloss und unter den teils aus der französischen Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus stammenden Lehrenden "glaubwürdige Lebensmodelle für eine andere Welt" fand.

Nach der Aufdeckung des systematischen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen an der Odenwaldschule klingt das irritierend. Otto Herz trat 2010 aus dem Trägerverein der Odenwaldschule aus, nach 30 Jahren Mitgliedschaft. Damals waren die – zuvor vereinzelt, nun aber massiv aufgetretenen – Vorwürfe vor allem gegenüber dem einstigen Schulleiter Gerold Becker in aller Breite aufgedeckt worden. Otto Herz kannte Gerold Becker "ziemlich gut" und fiel aus allen Wolken: "Das war unfassbar." Er sagt: "Unter nichts leide ich so sehr." Von außen kamen Vorwürfe: "Du gehörst auch zu den Verschweigern und Verdrängern." Er zweifelt selbst an sich, weil er keine Anzeichen wahrgenommen hat. Wie war das möglich?

Den Glauben an seine Ideale aber hat er sich nicht zerstören lassen. Bereits als Psychologie- und Pädagogikstudent hatte er in Hamburg die Aktion "Student in die Betriebe" initiiert, die "bildungsferne" Eltern ermutigen sollte, ihre Kinder aufs Gymnasium zu schicken. Später beteiligte er sich unter anderem am Aufbau der Laborschule Bielefeld, die neue Schulmodelle entwickeln sollte, war Bundesvorsitzender der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule und Leiter der Hermann Lietz-Schulen. Er war Mitglied im Bundesvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und arbeitete wissenschaftlich an mehreren Unis. Als Mitarbeiter des berühmten, inzwischen wegen seiner engen Verbindung zu Gerold Becker umstrittenen Reformpädagogen Hartmut von Hentig lernte er 1975 seine Frau kennen, die von Hentigs Sekretärin war. Später wurde sie Lehrerin und arbeitete eng mit Otto Herz zusammen.

Nach wie vor "missioniert" er weiter, von seinen Wohnsitzen Bielefeld und Leipzig aus und überall im Land: "Mein dritter Wohnsitz ist die deutsche Bahn."

"Inklusion ist eine Haltung": Die Ausstellung des Vereins "Bildung neu denken" bleibt bis Samstag, 4. März, im Untergeschoss der Stadtbibliothek am Münsterplatz.