Gedenken

Freiburg erinnerte an die Atomkatastrophe in Fukushima vor sieben Jahren

Claudia Förster

Von Claudia Förster

Mo, 12. März 2018 um 10:46 Uhr

Freiburg

Mahnwache, Dokumentarfilm und japanischer Kulturtag erinnerten am Wochenende an die Atomkatastrophe von Fukushima vor sieben Jahren. Ein Film zeigte die Folgen vor Ort.

Ein schallender Gong lässt die im Sonnenuntergang flanierenden Menschen neugierig aufblicken. Der Augustinerplatz ist erhellt von tausend Kerzen – jede steht für tausend Jahre. Das Lichtermeer symbolisiert die Dimension der Zerstörung durch Nuklearunfälle: Erst nach einer Million Jahre höre radioaktiver Müll auf zu strahlen, sagt Michael Ernst, Vorsitzender des Freiburger Anti-Atomkraft-Vereins "Fukushima nie vergessen". An den siebten Jahrestag der Nuklearkatastrophe in Japan erinnerten in Freiburg gleich mehrere Veranstaltungen.

"Heute schauen wir auf Fukushima, aber der Wahnsinn in der Welt tobt weiter."Michael Ernst
Der Verein hält am Wochenende eine 24-stündige Mahnwache mit Musik und Schweigeminuten für die Opfer – unterbrochen allerdings von einer ausgiebigen Nachtruhe. Das stille Flackern der Kerzen, untermalt vom melancholischen Tenor eines Saxofons, weckt die Emotionen vieler Passanten. Anwohner und Atomkraftgegner Gabriel Vierling besucht das Lichtermeer jedes Jahr mit seinem Sohn. Akiko Rive kommt dagegen zufällig vorbei. "Meine Mutter ist Japanerin, deshalb habe ich eine emotionale Verbindung zu Fukushima", sagt die 25-Jährige. Michael Ernst warnt vor einem ähnlichen Unfall im Atomkraftwerk Fessenheim, das in nächster Nähe zu Freiburg liegt: "Heute schauen wir auf Fukushima, aber der Wahnsinn in der Welt tobt weiter."

Die Folgen der Reaktorkatastrophe für die japanische Bevölkerung zeigt der Film "Furusato – wunde Heimat", der am Samstag erstmals im Kommunalen Kino läuft und mit der Goldenen Taube als bester deutscher Dokumentarfilm 2016 ausgezeichnet wurde. Tobias Büchner, der in der Wiehre aufgewachsen ist, hat ihn produziert. "Der Regisseur hat alleine gedreht und ist mehrere Jahre lang immer wieder in die Stadt gereist. Das war sein Zugang zu den Menschen", sagt Büchner.
Die Doku zeigt den Alltag mehrerer Einheimischer, die ihre Heimat trotz immenser Strahlenbelastung nicht verlassen. Im krassen Gegensatz zu deren normaler Kleidung stehen akribisch arbeitende Aktivisten in voller Schutzmontur mit ausschlagenden Strahlenmessgeräten. Die Szenen zeigen deutlich, wie verunsichert viele Menschen in der Region sind und wie aussichtslos ihre Situation ist – ohne dass ein Erzähler Fakten oder Kommentare einstreut. "Wir verweigern uns einer Meinung", sagt Büchner über die neutrale Berichterstattung, "das macht den Film unangreifbar. Diese emotionale Form schafft Raum, nachzudenken."

Erlös geht an an eine Kurstätte für Kinder aus Fukushima

Spektakulär wummern die Trommelschläge, werden zerfetzt von den kämpferischen Rufen der Daiko-Trommler, einen Stock höher wird still die filigrane Kunst des Origami-Faltens gelehrt: Am Sonntag, dem Jahrestag der Fukushima-Katastrophe, findet in der Volkshochschule der japanische Kulturtag mit Kalligraphie-Workshops, Karate und Kimono-Anproben statt. Wie viele japanische Besucher spürt die 36-jährige Köchin Minako Inai, wie sie sagt, dabei eine besondere Verbindung zu ihrer Heimat und zu befreundeten Betroffenen der Katastrophe. Um diesen Opfern ihr Mitgefühl zu zeigen, rief Naomi Endo 2011 gemeinsam mit vielen anderen Japanern aus Freiburg den Kulturtag ins Leben.

"Anfangs stand Fukushima im Vordergrund, heute wollen wir auch etwas von unserer Kultur vermitteln", sagt die 52-Jährige. Trotzdem erinnert der Tag an die Katastrophe vor sieben Jahren und berichtet von laufenden Projekten befreundeter Japaner vor Ort: So führt Hiroko Kata, die einst in Freiburg lebte, in Schulen der betroffenen Region deutsches Kasperle-Theater auf. Auch die Besucher des Japantags können helfen: Der gesamte Erlös wird an eine Kurstätte für Kinder aus Fukushima gespendet.