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27. November 2015 11:27 Uhr

Bombennacht in Freiburg 1944

Als Freiburg brannte – aber das Münster stehen blieb

Vor 71 Jahren, am 27. November 1944, flogen britische Bomber einen Angriff auf Freiburg. Die Innenstadt wurde zerstört – doch das Münster verschont. – viele andere Kirchen wurden jedoch zerstört oder schwer beschädigt.

  1. Der Bombenangriff auf Freiburg brachte die Ludwigskirche an der Habsburgerstraße zum Einsturz. 100 Menschen starben. Unser undatiertes Bild zeigt die Trümmer in den Nachkriegsjahren. Foto: Hans-Jürgen Oehler

Heute jährt sich der britische Bombenangriff auf Freiburg zum 71. Mal. Getroffen wurden auch viele Kirchen – der Turm des Münsters ragte jedoch wie durch ein Wunder fast unversehrt in den Himmel. Bei vielen Pfarreien wurde nicht nur das Gotteshaus zerstört, sondern auch das geistliche Zentrum. Zur Messe versammelten sich die verzweifelten Menschen in Provisorien und Ruinen.

Die Universitätskirche zeigt noch heute ihre Wunden

Aufgerissen, abgebrannt, ausgebeint: Dieses traurige Bild boten viele einst prächtige Gotteshäuser in Freiburg nach dem Großangriff. Auch 71 Jahre später sind noch Spuren der Zerstörung zu entdecken.

So steht manch hoffnungsvoller Tourist vor der schönen Universitätskirche an der Bertoldstraße in der Innenstadt – und prallt beim Eintreten zurück. Barocker Dekor im Kirchenschiff trifft auf nüchterne Kargheit im Chor. Dazu ein Kruzifix, das an Schlichtheit nicht zu überbieten ist. Bildhauer Franz Gutmann wollte mit diesem behauenen Stamm, der eine Dornenkrone trägt, sowohl die Leiden Christi als auch das Grauen des Krieges symbolisieren. Die Universitätskirche zeigt trotz des Wiederaufbaus ihre Wunden.

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Der Turm der Lutherkirche stürzte aufs Pfarrhaus

Katastrophale Schäden richteten einstürzende Türme an. So fiel der Turm der Lutherkirche auf das Pfarrhaus, in dem die Familien des Pfarrers Hegel und des Organisten Siebenhaar umkamen. Die Festschrift "100 Jahre Stühlinger" zitiert den heimkehrenden Pfarrer Erwin Hegel: "Wo einst unsere Kirche in den Himmel ragte und das Pfarrhaus stand, drohte ein wüster Haufen, aus dem es noch schwelte. Ich wusste auf einmal: Das war das Ende, ein fürchterliches Ende".

In Neuburg begrub der Turm der Ludwigskirche einen Teil der Hals-Nasen-Ohren-Klinik unter sich und versperrte so die rückwärtigen Ausgänge. Über 100 Menschen kamen dort um. Ein damals in der Altstadt lebender Zeitzeuge berichtet, dass Trümmerteile des Turmhelms von St. Martin ihm und seiner Familie zunächst den Ausstieg aus dem Luftschutzkeller versperrt hätten, bevor sie mit viel Mühe dem tobenden Feuersturm entfliehen konnten.

Glück im Unglück hatten auch die Besucher von St. Konrad (damals noch ohne Elisabeth-Patrozinium) am Rennweg. Charlotte Rosner war an jenem Abend in einer Messe für die Gefallenen. "Beim Alarm haben wir in der Bank Schutz gesucht. Ein Pater ist auf den Altar gestiegen und hat die Generalabsolution erteilt. Es haben alle überlebt."

Am Abend des Angriffs war ein Gottesdienst im Münster

Im Münster fand an jenem Abend ebenfalls ein Gottesdienst statt. Die Besucher mussten sich aus Sicherheitsgründen in den Chorumgang begeben. Nach einer besonders heftigen Detonation sagte Domorganist Carl Winter: "Beten wir jetzt für die Menschen, die soeben ums Leben gekommen sind." Dass es unter anderem seine eigene, nebenan in der Herrenstraße 26 wohnende Familie getroffen hatte, schien er zu ahnen.

Die Zeitzeugin Hildegard Andris erinnert sich, wie der Kantor später auf das brennende Trümmerfeld starrte. "Das vor Entsetzen starre Gesicht von Dr. Winter kann ich nie vergessen." Sechs Menschen kamen dort ums Leben.

Lage und Bauart schützten das Münster

Wie aber konnte das Münster Bombenhagel und Feuersturm trotzen? Einmal half die isolierte Lage auf dem Platz. Kein direkt angebautes Nachbarhaus konnte den gefürchteten Feuersturm weiterverbreiten. Eine Brandwache schlug Glutnester aus, die durch Funkenflug der in Flammen stehenden Umgebung entstanden waren. Der offene und durch Ringanker bewegliche Turmhelm hielt zudem Erschütterungen und Luftdruck besser stand als eine massive geschlossene Mauer.

Aktiv verschont werden konnte das bekannteste Bauwerk Freiburgs allerdings nicht. Dazu war die Sicht für die Angreifer zu schlecht. Denn die Bomber hatten schon ein paar Minuten nach Angriffsbeginn über Funk den Auftrag bekommen, ihre vernichtende Last ins Zentrum von Rauch und Feuer zu werfen. Wenn man bedenkt, dass direkt hinter dem Chor eine Luftmine niederging, während das Münster selbst keinen direkten Treffer erhielt, klingt das Wort Zufall zu banal. Hier darf man getrost vom Wunder von Freiburg sprechen und Reinhold Schneiders Worte über den Münsterturm zitieren: "Steh unzerstörbar herrlich im Gemüte, Du großer Beter glaubensmächtiger Zeit."
Bomben auf Freiburg

Am 27. November 1944 wurde Freiburg durch einen britischen Großangriff stark zerstört. 2797 Menschen starben in jener Nacht oder unmittelbar an den Folgen. Fast die gesamte Altstadt war ein Trümmerfeld. Zahlreiche Kirchen im ganzen Stadtgebiet wurden ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen.

Zur Ruine wurden unter anderem die Ludwigskirche (Neuburg) und die Lutherkirche (Stühlinger). Die Bomben vernichteten auch zahlreiche Kapellen, welche in Heimen und anderen Einrichtungen integriert waren. Als schwer getroffen galten St. Martin, die Universitätskirche (beide Altstadt), die Thomaskirche (Betzenhausen) sowie die nicht wieder aufgebaute Magdalenenkapelle auf dem Hauptfriedhof.

Beschädigt waren unter anderem die Herz-Jesu-Kirche (Stühlinger), die Michaelskapelle auf dem alten Friedhof und die Konviktskirche (Altstadt). Wie durch ein Wunder blieb das Münster von einem direkten Treffer verschont, erlitt aber Beschädigungen, während ringsum fast die gesamte Umgebung in Trümmer fiel. Die Sanierungsmaßnahmen am Münster zogen sich bis in die 1960er Jahre hin.

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Autor: Carola Scharck