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29. Juni 2016

Trotz Gutachten

Der Streit um das Energiekonzept für Gutleutmatten dauert an

Der Streit um die Energieversorgung im neuen Baugebiet Gutleutmatten in Haslach steckt in der Sackgasse. Bauherren wollen den ihrer Ansicht nach zu hohen Preis nicht bezahlen. Die Stadt pocht darauf, das innovative Energiekonzept umzusetzen.

  1. Es geht voran im Neubaugebiet Gutleutmatten. Foto: Michael Bamberger

Nachdem ein Gutachter Zweifel am Energiekonzept im Neubaugebiet Gutleutmatten geäußert hatte, kommt nun auch ein zweiter Experte zu dem Schluss, dass die Versorgung zu teuer und in sich nicht schlüssig sei. Die Baugruppen, die ihn beauftragt hatten, fühlen sich doppelt bestätigt, die Stadt hält an ihrer Planung fest.

"Zwei gute Konzepte, die nicht zusammenpassen" – so lautet das Urteil von Werner Neumann, der den BUND-Arbeitskreis Energie leitet und 25 Jahre lang Leiter des Energiereferats der Stadt Frankfurt war. Die Baugruppen hatten ihn gebeten, die geplante und teils bereits umgesetzte Energieversorgung im Neubaugebiet Gutleutmatten zu beurteilen. Die sieht Solarthermie kombiniert mit Fernwärme aus einem Blockheizkraftwerk vor. Diese Kombination sei nicht sinnvoll, meint Neumann. Er kommt zu dem Schluss, dass der Preis pro Kilowattstunde zu hoch sei.

Da ist er nicht der Erste. Bereits Anfang des Jahres hatte ein von der Stadt beauftragter Gutachter festgestellt, dass das Konzept sehr hohe Energiepreise nach sich ziehe, und stufte es als "offensichtliche Fehlplanung" ein. Besonders der Wärmepreis ist ein Streitpunkt: Der liegt in Gutleutmatten bei 21,1 Cent pro Kilowattstunde. Zum Vergleich: In Vauban zahlen Nutzer 14,2 Cent, in Rieselfeld 12,7 Cent. Neumann kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: "Ein solches Konzept hat nichts mit Innovation zu tun."

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Die Stadt wirft Experten Parteilichkeit vor

Dem widerspricht die Stadtverwaltung: "Das solarthermische Energiekonzept ist auch aus heutiger Sicht ein guter Weg, niedrige CO2-Emissionen mit wirtschaftlich vertretbaren Kosten erreichen zu können", teilt Rathaussprecherin Martina Schickle nach Absprache mit dem Umweltschutzamt mit. Bewohner müssten nicht mehr bezahlen als in anderen Stadtteilen – "vorausgesetzt, es werden nicht Äpfel mit Birnen verglichen". Wärmeschutz des Gebäudes sowie die Qualität der Energieversorgung müssten berücksichtigt werden. Dem Experten wirft die Stadt Parteilichkeit vor. "Wir hätten erwartet, dass sich Herr Dr. Neumann mit uns in Verbindung setzt, sodass wir ihm das Konzept hätten erläutern können", so Schickle. Ihm hätten ausschließlich Unterlagen vorgelegen, die ihm von den Baugruppen zur Verfügung gestellt worden seien. Es sei nicht überraschend, dass er ausschließlich deren Perspektive aufgreifen könne. "Ich habe die bekannten Fakten bewertet", sagt dagegen Neumann. Von vorherigen Gutachten habe er sich nicht beeinflussen lassen wollen.

In seiner Stellungnahme schlägt Neumann auch Alternativen vor – wie beispielsweise Photovoltaik statt Solarthermie. Dadurch würden erheblich Kosten gespart. Mit Passivhausbauweise könnten die Wärmekosten sogar um etwa ein Drittel gesenkt werden. Seiner Einschätzung nach ist der Schritt zum Passivhaus nicht groß. Der Freiburger Effizienzhausstandard 55, der eine wichtige Klimaschutzmaßnahme sei, sei bereits nahe am Passivhaus, teilt auch Schickle mit.

Zu Neumanns Einschätzung hat nun auch die Fraktion der Unabhängigen Listen (UL) die Stadtverwaltung in einem Schreiben um eine Stellungnahme gebeten. Sollte eine Korrektur nicht mehr möglich sein, müsse geklärt werden, ob in zehn Jahren ein Rückbau der Solarthermie ohne zusätzliche Kosten für die Bauherrn möglich sei.

Die sehen sich nach Neumanns Stellungnahme doppelt bestätigt, wie Herbert Lenk vom Arbeitskreis Energie der Initiative sagt. "Die Sache ist verfahren." Er wisse, dass vieles schon "weit gediehen" sei, trotzdem hofft er, dass sich "noch was tut". Schließlich gehe es auch darum, wer Fehler in der Planung bezahle. Die zukünftigen Bewohner seien weiterhin zu einem Dialog bereit.

Die Stadt sieht dafür allerdings keine Veranlassung, die Erwerber der Grundstücke seien bereits bei der Ausschreibung über die genauen energetischen Bedingungen informiert worden. "Das Gebiet wird wie geplant bebaut." Das könne man an den großen Baufortschritten vor Ort erkennen, teilt die Stadtverwaltung mit.

Gutleutmatten

Beim Baugebiet Gutleutmatten in Haslach handelt es sich um die größte noch verbleibende Entwicklungsfläche im Innenbereich der Stadt. Auf knapp fünf Hektar Baufläche sollen rund 500 Wohneinheiten entstehen. Spatenstich war im Oktober 2015 – acht Jahre nach Beginn des Bebauungsplanverfahrens.

Das Energiekonzept ist seit einem Jahr Streitthema zwischen der Stadt und den Baugruppen, für die ein Anschlusszwang an das Fernwärmenetz der Badenova-Tochter Wärmeplus besteht. Das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE) begleitet das Konzept, das vom Bundesumweltministerium mit 1,7 Millionen Euro gefördert wird.  

Autor: sge

Autor: Sina Gesell