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07. März 2016

"Eine Schule für alle wäre das Beste, aber nicht durchsetzbar"

ZUR SACHE: Die SPD-Landtagsabgeordnete Gabi Rolland über Gemeinsschaftsschulen und warum das dreigliedrige Schulsystem weiter bestehen bleiben wird.

  1. Gabi Rolland Foto: michael bamberger

Die Schulpolitik ist nach der Flüchtlingsfrage wohl das meistdiskutierte Thema im Landtagswahlkampf. Im Zentrum der Debatten steht die neu eingeführte Gemeinschaftsschule. Thomas Goebel hat die SPD-Landtagsabgeordnete und Kandidatin im Wahlkreis Freiburg-West, Gabi Rolland, zu ihrer Position befragt.

BZ: Die SPD baut Gemeinschaftsschulen aus, die zum Abitur führen. Gleichzeitig wollen Sie das Gymnasium erhalten. Ist das nicht inkonsequent?
Rolland: Nein. Das Gymnasium führt in acht Jahren zum Abitur, die Gemeinschaftsschule ab der ersten Klasse in 13 Jahren – als Ganztagsschule mit gemeinsamem Lernen in drei Niveaustufen und einer stärkeren individuellen Förderung. Das ist ein anderes pädagogisches Konzept, das auch gewährleistet, dass die Bildungskarriere eines Kindes nicht vom Geldbeutel der Eltern und der Herkunft abhängt.
BZ: Müssten Sie dafür nicht eigentlich das dreigliedrige Schulsystem ganz abschaffen?
Rolland: Im Prinzip schon – eine Schule für alle wäre das Beste.
BZ: Und warum machen Sie das dann nicht?

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Rolland: Das wäre nicht durchsetzbar, wir bekämen sofort einen Volksentscheid zum Erhalt des Gymnasiums. So etwas muss wachsen. Die Industrie weiß übrigens schon lange, dass Projektgruppen am effektivsten sind, in denen die unterschiedlichsten Charaktere zusammenarbeiten.
BZ: Bisher sind 299 öffentliche Gemeinschaftsschulen genehmigt. Wie viele werden es in fünf Jahren sein, wenn die SPD an der Regierung bleibt?
Rolland: Das kann ich nicht sagen, weil wir das ja gerade nicht verpflichtend machen: Die Entscheidung liegt bei Städten und Gemeinden und den Schulgemeinschaften. Ich würde mich aber freuen, wenn in Freiburg noch die ein oder andere Gemeinschaftsschule dazu käme.
BZ: Bisher gibt es nur eine…
Rolland: Moment, es gibt eine öffentliche Gemeinschaftsschule, aber auch eine Gesamtschule mit ähnlichem Konzept. Und wenn Sie sich die privaten Schulen anschauen: Das sind eigentlich auch Gemeinschaftsschulen.
BZ: Trotzdem wird das Modell vor allem im ländlichen Raum nachgefragt – wegen sinkender Schülerzahlen.
Rolland: Es gibt auch Städte, die entschieden haben, alle Schulen umzuwandeln. Aber es stimmt: In Universitätsstädten wie Freiburg wird das klassische Gymnasium stärker nachgefragt. Ich bin allerdings überzeugt, dass die meisten Entscheidungsträger das Konzept einer Gemeinschaftsschule noch nicht wirklich kennen.
BZ: Warum?
Rolland: Im Bildungsbereich läuft man Gefahr, von der eigenen Bildungskarriere auszugehen, und wir alle kennen nur das dreigliedrige Schulsystem. Ich hatte kürzlich mein Aha-Erlebnis, als ich von Kindern einer Gemeinschaftsschule kooperatives Lernen vorgeführt bekam: Ich hatte noch nie erlebt, dass Lernen so gleichberechtigt und demokratisch geschehen kann – sowohl zwischen den Schülern als auch mit den Lehrern.
BZ: Vor drei Jahren wollte die Landesregierung 11 600 Lehrerstellen bis 2020 streichen. Inzwischen sprudeln die Steuereinnahmen und es soll sogar neue Stellen geben. Wird die Schulpolitik letztlich von der Konjunktur bestimmt?
Rolland: Die 11 600 Stellen waren eine rechnerische Größe auf Basis von drastisch sinkenden Schülerzahlen. In der Realität steigen sie aber. Außerdem hatten diese Pläne nicht im Blick, dass wir auch für die Ganztagsschulen und für die Inklusion mehr Lehrerinnen und Lehrer brauchen.
BZ: In der nächsten Legislaturperiode gibt es keinen Streichungsplan?
Rolland: Nein, wir brauchen so viele Lehrer, wie wir brauchen.

ist 52 Jahre alt, verheiratet und wohnt im Freiburger Stadtteil Stühlinger. Die Diplomverwaltungswirtin sitzt seit 2011 für die SPD im Landtag.

Autor: thg