Eine Tour mit 972 Pannen

Anita Fertl

Von Anita Fertl

Sa, 09. Februar 2019

Freiburg

LEUTE IN DER STADT: Auf der Mundologia präsentieren Leaving-Home-Funktion ihr Roadmovie.

FREIBURG. Die fünf Absolventen europäischer Kunsthochschulen nehmen nicht eben den direkten Weg: Der längstmögliche in Richtung Westen nach New York führte sie auf ihren Ural-Motorrädern durch den Osten, 40 000 Kilometer weit. Und auch auf dem Mundologia-Festival drehen sie eine Ehrenrunde, traten aufgrund großer Nachfrage bereits gestern an – und führen heute ihre skurrile Reisereportage ein weiteres Mal vor.

Marmelade, Müsli, Milchkaffee: Von einem solch üppigen Frühstück, wie sie es im Hotel während des Mundologia-Zwischenstopps aufgetischt bekommen, konnten die Fünf während ihrer zweieinhalbjährigen Tour manchmal nur träumen. Zwar war die Truppe meist gut mit Essen eingedeckt und hatte auch eine Notfallration dabei. Falls, wie in den Weiten Russlands auf der berüchtigten Road of Bones geschehen, Flüsse und Pannen den Zeitplan durcheinander werfen sollten. "Es ist eine Herausforderung, wenn es am Abend nur einen dünnen, löchrigen Brotlaib gibt", sagt Anne Knödler. Schon nach der ersten Panne, da waren sie gerade einmal 25 Kilometer weit gefahren, hätten sie erst einmal gefrühstückt, erzählt Johannes Fötsch: "Bei den anderen gab’s dann immer Schokolade."

Fötsch war es auch, der die zündende Idee für die Tour hatte. Ursprünglich war geplant, seine Schwester in Vancouver zu besuchen. Aus Vancouver wurde das bekanntere New York, und heraus kam ein Projekt mit dem Ziel, auf der Route andere Länder und Leute kennenzulernen, den kulturellen Austausch zu fördern und sich von der Welt ein eigenes Bild zu machen.

Unter dem Firmennamen Leaving-Home-Funktion schlossen sich Knödler, Oertel und Fötsch, die gemeinsam Bildhauerei studierten, mit ihren Künstlerkollegen Efy Zeniou (Zypern) und Kaupo Holmberg (Estland) zusammen.

Sie versetzten ihren Hausrat, sammelten per Crowdfunding Geld und knatterten 2014 auf ihren Ural-Motorrädern von Halle an der Saale aus los. In Georgien schlugen sie ihr Wintercamp auf und in Kasachstan stellte man sie wegen vergessener Passstempel vor Gericht. Aber Höhepunkt des fast nicht mehr Umsetzbaren war die Fahrt mit dem selbstgebauten Floß auf dem abgeschiedenen Fluss Kolyma im Osten Russlands, mit den Ural-Motoren als Antrieb.

Bewusst hatten sie sich als Fortbewegungsmittel für die geländegängigen Gefährte mit Beiwagen entschieden, die überall auf der Route gefahren werden, als ziemlich robust gelten – und auch als sehr anfällig für Pannen. Dennoch waren sie praktisch. "Denn wir sind nicht als Reporter, sondern als Motorradfahrer angekommen und haben unsere Geschichte erzählt. Dann haben uns die Leute ihre Geschichten erzählt. Wir sind nur durch Pannen weitergekommen", sagt Fötsch, und: "Kaputt ist international". 972 Pannen seien es gewesen. Das schießt nicht nur die mechanischen, sondern auch die bürokratischen, zwischenmenschlichen und körperlichen wie Unfälle ein. "Wir mussten für jedes Problem eine Lösung finden, das geht nur im Team", sagt Fötsch. Knödler war beispielsweise für den ärztlichen Part zuständig, nähte ihn, nachdem er sich mit Axt ins Knie gehakt hatte. "Ich hab mal in einer Metzgerei gejobbt", sagt sie und grinst.

Teamwork ist auch beim Auftritt angesagt: Zeniou erntet beim stichprobenartigen Ablesen der Pannenliste die ersten Lacher, Oertel moderiert und der stille Holmberg wird zum Entertainer, als er zeigt, welche Ersatzteile in seinem Beiwagen mitfuhren. Es sind nicht die letzten Lacher des Abends.