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17. Februar 2011

Fallen für Fortgeschrittene

Kurse zur Sturzprävention sind nicht nur wichtig, sie können auch richtig Spaß machen.

  1. Mit der Gummi-Gurke als Sportgerät wird ihre Koordinationsfähigkeit gefordert (von rechts): Ewald Streeb, Christa Pfeiffer, Kursleiterin Carola Schark, Edith Bundschuh und Christa Jensch. Foto: Michael Bamberger

OBERAU. Ewald Streeb steht im Aufenthaltsraum und schüttelt zwei saure Gurken. Zumindest sehen die grünen Kunststoffgewichte in seinen Händen dem Gemüse sehr ähnlich. Seiner gesunden Gesichtsfarbe nach strengt sich der 78-Jährige ordentlich an, trotzdem hat er noch genug Energie, seine Nachbarin keck anzugrinsen. Wenn er sich dann noch in den Hüften wiegt, sieht das schon ein wenig ulkig aus. Aber aus Jux und Tollerei tut Ewald Streeb das nicht. Er macht einen Kurs zur Sturzprophylaxe im Emmi-Seeh-Heim.

"Sturzverhütung" nannte Carola Schark früher ihre Kurse, die sie in Senioreneinrichtungen anbietet. Bis eine Teilnehmerin sie darauf hinwies, dass Verhütung im Alter kein Thema mehr sei. Heute heißt ihr Angebot "Kraft und Balance", aber das Ziel ist dasselbe: Mit gymnastischen Übungen hilft sie älteren Menschen dabei, ihre Lebensqualität zu erhalten. Und den Senioreneinrichtungen hilft sie beim Sparen. Denn wer mehr Gleichgewicht, Kraft und Koordination hat, bleibt selbstständig und verletzt sich seltener. "Die Übung können Sie zu Hause nachmachen", sagt Carola Schark ziemlich laut, denn zwei Teilnehmerinnen hören schlecht. "Wer keine Hanteln hat, kann auch ein Pfund Kaffee in einer Stofftasche verwenden", rät sie. Ewald Streeb fragt, ob er auch Rotwein nehmen kann.

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Stürze haben fast alle der sieben Kursteilnehmer schon erlebt. Edith Bundschuh (78) ist es eine Zeit lang regelmäßig passiert – und sie fiel immer mitten aufs Gesicht. "Ich sah aus wie ein Monster und wollte gar nicht mehr rausgehen", erinnert sie sich. Seit fünf Jahren trainiert sie mit Carola Schark, und es geht schon viel besser.

"Mir turne bis zur Urne", ruft Carola Schark den betagten Damen und Herren im Stuhlkreis aufmunternd zu. Übel nehmen die Senioren ihr solche lockeren Sprüche nicht, im Gegenteil. Momentan sind sie sowieso vollauf beschäftigt mit einer anspruchsvollen Koordinationsübung: die linke Gurke schütteln, die rechte drehen, und dabei mit den Füßen wippen. Die 80-jährige Gerlinde Gitzinger schafft es sogar, dabei den Schlager mitzusingen, der aus dem CD-Spieler tönt: "Du bist die Rose vom Wörthersee". "Mit Musik geht alles leichter", findet sie.

Wer musiziert, tanzt oder Handarbeit macht, der stürzt seltener, das stellt Carola Schark immer wieder fest. Außerdem weiß sie, dass die meisten Stürze beim Aufstehen passieren. Also wird auch das Schritt für Schritt geübt. Für zehn Kursstunden zahlt man bei ihr 27 Euro. Wohneinrichtungen übernehmen den Beitrag für ihre Bewohner.

Die Übungsleiterin kommt beruflich aus einer anderen Ecke

"Nicht die Hüften kreisen, Herr Streeb", ruft Carola Schark: "Sonst kriegt Frau Pfeiffer neben Ihnen noch Herzklopfen." Die Herrschaften lachen, und die Übungsleiterin ist in ihrem Element. Dass sie beruflich eigentlich aus einer ganz anderen Ecke kommt, ahnt man nicht. Nach 20 Jahren als Rechtsanwaltsgehilfin hatte sie vom Bürojob die Nase voll. Dann stieß sie auf eine Zeitungsanzeige. "Ich habe das Wort ,Seniorengymnastik’ gelesen und wusste sofort, dass ich das machen will", erinnert sie sich. Nach Praktikum und Ausbildung flogen ihr die Aufträge nur so zu, 2003 hat sie sich selbstständig gemacht. Heute trainiert die 46-Jährige jede Woche mit 180 Teilnehmern in verschiedenen Senioreneinrichtungen.

Es wird viel gelacht in ihren Kursen. "Traurig wird es nur, wenn alte Menschen in die Demenz abgleiten und man sie nicht mehr erreicht", sagt Carola Schark. Doch manche Teilnehmer begleiten sie auch über viele Jahre, die Älteste ist 104. Dass ihr Job sie auch regelmäßig mit dem Thema Tod konfrontiert, findet Carola Schark normal: "Ich arbeite schließlich nicht im Kindergarten."

Bei der "Schutzschritt"-Übung darf jeder einmal in ihre Arme kippen, und sich im letzten Moment mit einem Ausfallschritt fangen – Ewald Streebs Lieblingsübung. Und wer will, übt sich zum Abschluss in der Königsdisziplin: im Gang über den "Schwebebalken", einen wenige Zentimeter hohen Schaumstoffstreifen, der die Teilnehmer ganz schön ins Wanken bringt. Dann hat Ewald Streeb genug. Mit dem Sport kann man es auch übertreiben, findet er. Aber nächste Woche kommt er wieder.

Infos über das Angebot an Kraft-und-Balance-Kursen in Freiburg gibt das städtische Seniorenbüro unter  0761 / 201-3032.

Lohnende Vorbeugung

Kurse zur Sturzprophylaxe lohnen sich, das hat das Projekt "Aktiv bleiben im Pflegeheim" der Krankenkasse AOK ergeben. Dabei wurden das Sturzvorkommen und die Folgen von Stürzen in Altenpflegeheimen vor und nach solchen Kursen dokumentiert. Das Ergebnis: Kraft- und Balancetrainings haben die Anzahl der Stürze um rund 15 Prozent gesenkt, Knochenbrüche in Folge von Stürzen gingen sogar um 20 Prozent zurück. Die Pflegeeinrichtungen, die am Projekt teilnehmen, werden je ein Jahr lang beim Einführen von Kraft- und Balance-Kursen unterstützt. Seit 2001 war das in 800 Altenpflegeheimen in Baden-Württemberg der Fall. Rund 3000 Euro zahlt die AOK den Pflegeeinrichtungen jeweils als Anschubfinanzierung. Das Geld fließt in die Ausbildung der Kursleiter, deren Honorar fürs erste Halbjahr und die Ausrüstung. Die teilnehmenden Einrichtungen verpflichten sich, auch nach dem Projektjahr Maßnahmen zur Sturzprävention zu erhalten. Punktuelle Kurse zur Sturzprävention für Privatpersonen zahlt die AOK nicht.  

Autor: vro

Autor: Veronika Keller