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01. Februar 2016

Leute in der Stadt

Felix Bernhard erzählt von seinen Pilgerreisen im Rollstuhl

Felix Bernhard erzählt, und er tut das launig und zugleich mit Tiefgang: Er berichtet von seinen Erfahrungen auf den großen Pilgerfahrten, die er in den vergangenen Jahren unternommen hat. Da war fünf Mal der Jakobsweg, insgesamt mehr als 3000 Kilometer. Und da war die Reise über Rom bis nach Jerusalem, deren 5500 Kilometer über die Balkanroute Felix Bernhard innerhalb von sechs Monaten bewältigt hat. Beeindruckende Zahlen, beeindruckende Geschichten. Und: Bernhard ist die Wege nicht gegangen, sondern gefahren – im Rollstuhl.

  1. Felix Bernhard bei seiner eindrucksvollen Präsentation im Haslacher Melanchthonsaal. Foto: Michael Bamberger

Es ist bezeichnend, dass das, was man von Felix Bernhards Vortrag im Haslacher Melanchthon-Saal in Erinnerung behält, gerade nicht sein Handicap ist. Sicher, und das erzählt er ja eingangs auch: 1993 hat ihn ein schwerer Motorradunfall in den Rollstuhl gebracht. Und in den ersten drei Jahren danach sei das Gefährt auch "wie ein Fremdkörper" für ihn gewesen. Als er gelernt hatte, seine Situation anzunehmen, wendete sich das Blatt, und sein Rollstuhl sei zum persönlichen Coach geworden. Entscheidend sei einzig das Aufbrechen gewesen, das Anfangen: "Egal, wie lang der Weg ist, wichtig ist der erste Schritt", ist Felix Bernhard überzeugt. Und man müsse immer ein Ziel vor Augen haben, das man erreichen wolle. So wie er selbst im Falle des Pilgerns auf dem Jakobsweg und ins Heilige Land: Im ersten Fall habe er sich "freiwandern" wollen von dem Schmerz und der Enge, die der Tod seines Vaters in ihm hinterlassen hatten. Bei der Fahrt nach Israel handelte es sich um die Bewältigung der Erinnerungen an seine Mutter, die Selbstmord begangen hatte, als Felix Bernhard 13 Jahre alt gewesen war.

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"Eine Sache kann ich nicht: Stillsitzen", schmunzelt Bernhard. Und das stimmt auch beim Vortrag auf Einladung der Alpha-Buchhandlung der Evangelischen Stadtmission: Während er erzählt und viele Bilder sowie ein paar kurze Videos von seinen Pilgerreisen zeigt, rollt er im Gang zwischen den Stuhlreihen auf und ab. Mit Enthusiasmus und Humor skizziert Felix Bernhard das, was ihm im Laufe der Jahre klar geworden ist. Sätze wie "Barrierefreiheit entsteht im Kopf" oder "Jeder geht seinen eigenen Jakobsweg" fallen da. Einiges Berichtetes, etwa die Bewältigung des eigenen inneren Schmerzes, kann man womöglich auch aus eigener Erfahrung nachvollziehen. Manches bleibt schier unglaublich – etwa der eiserne Wille Bernhards, trotz einer schmerzhaften und langwierigen Wunde am Rücken den Weg nach Jerusalem zu Ende zu bringen. Niemals aufgeben, auch hinter schwierigen Erlebnissen im Leben eine versteckte Botschaft suchen, mit ganzem Herzen bei der Sache sein: Auch dies sind Einstellungen, die Felix Bernhard verinnerlicht hat und an andere Menschen weitergeben will.

Knapp zwei Stunden dauert Bernhards Vortrag, der Titel und Untertitel seines zweiten, im Jahr 2010 erschienenen Buches zitiert: "Weglaufen ist nicht – eine andere Perspektive aufs Leben". Das erste Werk kam 2008 heraus: "Dem eigenen Leben auf der Spur". Derzeit läuft die Arbeit an der dritten Veröffentlichung.

Mehr und mehr hat sich Felix Bernhards Schwerpunktsetzung im Leben verändert. Geboren 1973, hat er, schon im Rollstuhl, Volkswirtschaftslehre studiert, einige Zeit lang übrigens auch in Freiburg. Er ist im Rahmen des Studiums in die USA gegangen, hat danach 15 Jahre lang in Frankfurt in der Finanzdienstleistungsbranche gearbeitet. Ein klassischer Karrieremann, aber eben einer, den auch immer die Frage begleitet hat, worum es eigentlich geht im Leben.

Jahrelang klappte der Spagat zwischen Job und den pilgernd verbrachten Auszeiten. Als 2012 die Jerusalem-Frage anstand, kündigte Bernhard seine Stelle in Frankfurt, um dann einfach mal weg zu sein, unterwegs ins Heilige Land, unterwegs zu sich selbst und seiner Geschichte. Denn noch eines steht für ihn fest: So eindrucksvoll und bewegt die zurückgelegten Wege auch sein mögen, was zählt, ist etwas anderes: "Ich bringe den Jakobsweg in meinen Alltag." Auf diese Weise hat Felix Bernhard, der Nimmermüde, zu innerer Ruhe gefunden, denn: "Ich nehme mich selbst doch immer mit."

Autor: Bettina Gröber