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15. März 2011

AKW Fessenheim

Freiburg hat keinen Plan für den Super-GAU

Das AKW Fessenheim ist 20 Kilometer nah, doch Behörden haben keine Evakuierung vorgesehen.

  1. „Abschalten – jetzt“ skandierten Demonstranten gestern Abend am Bertoldsbrunnen. Es dürften nahezu 2000 gewesen sein, die gegen Atomenergie und den Meiler im elsässischen Fessenheim protestierten. Foto: Ingo Schneider

  2. Für den Ausstieg Foto: ingo schneider

Wäre Freiburg gerüstet, wenn im nahen Atomkraftwerk Fessenheim eine Katastrophe passieren würde wie im japanischen Fukushima? Man könne nicht von einem Katastrophenschutzplan, sondern allenfalls von einem "Kataströphchenschutzplan" sprechen, sagt Axel Mayer, Geschäftsführer des Bunds für Umwelt und Naturschutz (BUND) südlicher Oberrhein in Freiburg. Bürgermeister Neideck will sich dazu nicht äußern. Fast 2000 Freiburger gingen derweil gestern gegen Atomkraft auf die Straße.

BUND-Aktivist Mayer fordert: Freiburg muss sich "endlich einmal ernsthaft" damit beschäftigen und in einem Arbeitskreis mit Experten "einen realistischen Katastrophenschutzplan erarbeiten". Laut Mayer taugt der Notfallschutzplan des Regierungspräsidiums (RP) nur, wenn geringe Mengen an Radioaktivität freigesetzt werden. Oder wenn nach der Katastrophe mehrere Tage Zeit bleibt, bis sich die nukleare Strahlung ausbreitet. Werde Radioaktivität in größeren Mengen schon kurz nach einer Katastrophe freigesetzt, sei der Notfallplan unrealistisch.

Ein ausgearbeiteter Evakuierungsplan für Freiburg im Falle eines GAUs existiert nicht, wie Wolfgang Klinger, Leiter des städtischen Katastrophenschutzes, einräumt: "Das haben wir bisher nicht auf die Beine gestellt." Markus Ragg, Referent für Katastrophenschutz im RP, weist indes darauf hin, dass die Stadt dazu nicht verpflichtet sei. Er verweist auf die "bundeseinheitlich geltenden Rahmenempfehlungen für den Katastrophenschutz in der Umgebung kerntechnischer Anlagen." Finanzbürgermeister Otto Neideck (CDU), der für öffentliche Ordnung zuständig ist, wollte sich gestern zum Thema Evakuierungs- und Notfallschutzplanung gar nicht äußern.

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Was aber passiert, wenn die ganze Stadt die Flucht ergreifen müsste? Axel Mayer wird mulmig, wenn er an das Verkehrschaos bei SC-Spielen zur Feierabendzeit denkt. "Stellen Sie sich vor, der SWR und die BZ auf ihrer Homepage geben eine Katastrophe bekannt und 90 Prozent der Bewohner setzen sich ins Auto und wollen irgendwohin", malt sich Mayer das Horrorszenario aus.

Die Umgebung rund um Fessenheim ist in vier Zonen eingeteilt. Die Stadt Freiburg liegt überwiegend in der Außenzone, die 10 bis 25 Kilometer vom AKW entfernt ist, wobei der Ortsteil Munzingen nur ganz knapp außerhalb der Mittelzone liegt. Der Notfallschutzplan des RP sieht für Unfälle in Fessenheim für jede Zone bestimmte Maßnahmen vor. In Freiburg etwa müssen Polizei und Feuerwehr Warndurchsagen über Lautsprecher machen, die Sirenen eine Minute auf Heulton stellen und über die Medien über den Unfall informieren. "Die erste Maßnahme muss sein, dass die Leute im Haus bleiben", sagt Klinger; geschlossene Fenster brächten bis zu einem gewissen Zeitpunkt Schutz. Für knapp 10 000 Menschen gibt es in der Stadt zudem Platz in sechs Schutzräumen, wobei allein 5000 im Schlossbergstollen Platz finden. Es gilt: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Theoretisch können Menschen sich dort bis zu vier Wochen aufhalten. Klinger gibt allerdings zu bedenken, dass dort weder Lebensmittel noch Wolldecken aufbewahrt werden, auf die Schnelle dort also nur ein Aufenthalt für wenige Tage möglich sei. Ohnehin tendiert Berlin dazu, die Kapazitäten zu reduzieren: "Ein Vorteil ist ein Schutz vor Strahlung, etwa im Fall des Durchzugs einer Wolke mit radioaktiven Partikeln. Ein Nachteil ist in der Tat eine begrenzte Verweildauer", beschreibt Ragg die Funktion der "Bunker". Zudem ist das Amt für Brand- und Katastrophenschutz für Messungen und Bodenproben zuständig, die es in das System des Umweltministeriums einspeisen muss, sowie für die Verteilung von hoch dosierten Jodtabletten in städtischen Gebäuden, die üblicherweise auch als Wahllokale dienen. 13 Paletten mit insgesamt 2,5 Millionen Tabletten bewahrt die Stadt an einem zentralen, geheimen Ort auf.

Mehrere Parteien haben sich gestern für eine sofortige Stilllegung von Fessenheim ausgesprochen, so die Fraktion Junges Freiburg/Die Grünen, der SPD-Kreisverband und die Unabhängigen Listen. Grünen-Stadtrat und Badenova-Aufsichtsrat Eckart Friebis fragt, ob die Stadt nicht schon vor 2015 aus dem Bezug und Vertrieb von Atomenergie aussteigen kann. Der CDU-Landtagsabgeordnete Bernhard Schätzle sprach sich gestern Abend für eine dauerhafte Aussetzung der Laufzeitverlängerung aller deutschen AKWs aus.


Autor: Frank Zimmermann