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20. April 2013

Freiburg und seine Kolonialgeschichte

Kulturausschuss diskutiert Verstrickungen der Stadt.

Es war nur der Anfang: Zum ersten Mal hat im Kulturausschuss ein städtisches Gremium den Umgang Freiburgs mit seiner Kolonialgeschichte diskutiert. Anlass war ein interfraktioneller Antrag von CDU, SPD, den Grünen, den Unabhängigen Listen, FDP und Freien Wählern. Klar war für alle, dass die Auseinandersetzung weitergehen muss. Und: Die städtische Vorlage sorgte bei einigen für heftige Kritik. Der Text soll deshalb laut Sozial- und Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach überarbeitet werden.

Ausnahmsweise konnte sich im Ausschuss spontan einer äußern, der kein Mitglied ist: Der Sozialwissenschaftler Heiko Wegmann, der seit sieben Jahren umfangreiches Material auf der Internet-Seite "Freiburg-postkolonial" (http://www.freiburg-postkolonial.de über Freiburgs Bezüge zum Kolonialismus sammelt. Ulrich von Kirchbach will ihn nun bei einer Überarbeitung der Vorlage mit dem Stadtarchiv einbeziehen und betonte, Heiko Wegmann habe die Vorarbeit für den interfraktionellen Antrag geleistet. Und er stellte nach der Kritik klar: "Wir haben uns in der Vorlage an das Thema herangetastet und haben nicht behauptet, das sei der Weisheit letzter Schluss."

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Kritisiert wurde vieles: Einerseits bemängelte Heiko Wegmann schlichte Fehler – zum Beispiel die Behauptung, Theodor Leutwein, einstiger Gouverneur von Deutsch-Südwestafrika, sei erst nach seiner Militärzeit nach Freiburg gezogen. In Wirklichkeit habe er bereits seinen Militärdienst in Freiburg begonnen und zwei Semester hier studiert.

Vor allem aber stieß die Haltung der Vorlage zu einzelnen Punkten der Anfrage auf Bedenken. Als "sehr problematisch" bezeichnete die grüne Stadträtin Maria Viethen einige Formulierungen: "Die Einschätzung des Stadtarchivs, in Freiburg gäbe es keine besondere Verstrickung in den Kolonialismus, teile ich nicht." Sie kritisierte die Argumentation, in Freiburg sei es nicht schlimmer als anderswo gewesen: "Das erinnert an den früheren Umgang mit dem Nationalsozialismus." Auch da sei die Verantwortung lange abgewälzt worden. Dass längst nicht nur, wie die Vorlage behauptet, einzelne Angehörige der Militärs kolonialistisch gehandelt hätten, sei in vielen Punkten offenkundig: "Für die oberen Zehntausend zum Beispiel gehörte es zum guten Ton, Mitglied im Kolonialverein zu sein."

Auch die Stadt war vielfältig verstrickt, betonte Heiko Wegmann – unter anderem als Mitglied der Deutschen Kolonialgesellschaft. Fraktionsübergreifend sprachen sich von Coinneach McCabe (Grüne Alternative) bis zu Ellen Breckwoldt (CDU) alle für mehr Auseinandersetzung mit dem Thema aus. Unterschiede deuteten sich bei den Einschätzungen zur Frage an, ob ein Erinnerungsort an den Kolonialismus geschaffen werden soll – einige kritisierten, wie SPD-Stadtrat Hans Essmann, dass das bisher nicht mal beim Nationalsozialismus gelungen sei, der für Deutschland eine besondere Rolle spielt.

Auf Zustimmung bei allen stieß ein Vorschlag in der Vorlage zur Stiftertafel am Eingang des Adelhausermuseums: Eine elektronische Medienstation soll dort künftig die überaus problematischen Hintergründe einiger Stifter präsentieren.

Autor: Anja Bochtler