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01. Februar 2012

100 Jahre

Freiburg: Von der Hegarklinik zum Hegarhaus

Als private Entbindungsanstalt war die Hegarklinik schon vor 100 Jahren etwas Besonderes – und das Haus ist es noch immer.

  1. Seit 19 Jahren sind sie die (meisten der) „Neuen“ im alten Hegarhaus. Foto: Thomas Kunz

  2. Treppenhaus mit Licht und Charme im Hegarhaus Foto: Thomas Kunz

  3. Udo Hegar mit dem Künstlerentwurf des „Wickelkinds“ vom Klinikeingang Foto: Thomas Kunz

  4. h gfhj gfhj gfhjgfhj fghj fghfg Foto: Repro: Thomas Kunz

Eine Straßenbahn vom Hauptbahnhof durch die Wilhelmstraße in die Wiehre? Vor 100 Jahren schien diese Variante einer Tram-Linienführung noch beschlossene Sache. Dokumentiert ist diese einstige Stadtplanung auch in einem höchst amtlichen Schreiben an den "verehrlichen Stadtrat". Geschrieben hatte – im August 1911– das Stadtarztamt. Es plädiere "nach Benehmen mit dem Hochbauamt" dafür, so heißt es in der gutachterlichen Stellungnahme, dass der Stadtrat sich gegen die von Professor Alfred Hegar beantragte "Errichtung einer Entbindungsanstalt" auf dem Grundstück Wilhelmstraße 10 aussprechen möge. Die Wilhelmstraßen-Tram wurde nie wahr, die Hegarklinik aber erblickte vor 100 Jahren dann eben doch das Licht der Welt. Margarethe Hegar, Ehefrau von Alfred Hegars Sohn Karl, notiert im Januar 1912 in zierlichster Sütterlinschrift in ihrem Tagebuch: "Karl baut eine Privat-Entbindungsanstalt."

Genaue Daten und Zusammenhänge lassen sich für die historischen Abläufe in Sachen Hegarklinik häufig nicht mehr feststellen, bedauert Udo Hegar, Urenkel des Gründers. Der Gynäkologe hatte 1982 die Klinik übernommen – und ganz im Sinne des einstigen Gründers und auch von dessen Mitgründer und Sohn Karl Hegar weitergeführt. Zwischen Gründung und Übernahme lagen 70 Jahre. In denen hatte die Klinik unter anderem als Chirurgische Klinik den Ersten Weltkrieg überstanden. Im Zweiten Weltkrieg diente sie vorübergehend auch als Lazarett – operiert wurde gegen Kriegsende wegen drohender Bombenangriffe im Keller.

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Die Geschichte einiger mutiger Krankenschwestern wird bis heute weitererzählt: Als bei der Bombardierung Freiburgs im November 1944 auch eine Brandbombe durchs Dach der Hegarklinik schlug, haben die Krankenschwestern die Bombe beherzt gepackt und in den Hof geworfen. Kleine Erinnerungsmosaike, Geschichten, Namen werden gehütet, aber die Dokumente aus den ersten Klinikjahrzehnten fehlen. Sie waren von den französischen Besatzungs-Hausherren beschlagnahmt und vernichtet worden.

Das nur spärlich erhaltene Material macht es Udo Hegar schwer, sein Versprechen einzulösen, aber er hält an seinem Vorhaben fest: "Ich will unbedingt eine Chronik der Hegarklinik schreiben!" Die Geschichte der Klinik, soviel ist klar, wird zugleich auch eine Geschichte der Hegar-Familie sein. Das Haus selbst war Zeuge für Denkenswertes: Allein schon die Errichtung einer Privatklinik war Anfang des 20. Jahrhunderts in Freiburg ein großer Schritt – durchaus von Erfolg gekrönt, denn die Anfangsjahre brachten Renommee weit über Freiburg hinaus.

Schwierig für die "Start-up-Klinik" war die kurzzeitige Übernahme durch den Arzt Bulius – als Karl Hegar für zwei Jahre an die Front musste. Von den Jahren zwischen den Weltkriegen ist wenig belegt, erzählt Udo Hegar, nicht einmal, ob die Klinik als Privatklinik weitergeführt wurde. Was allerdings als gesichert gilt, ist, dass die Hegarklinik nach dem Zweiten Weltkrieg fünf Jahre lang von der französischen Besatzungsmacht beschlagnahmt war – und dass dort in diesen Jahren ausschließlich Französinnen entbanden.

Udo Hegar selbst kehrte erst 1983 in das Haus an der Wilhelmstraße zurück. In der Generation seines Vaters hatte sich keines der fünf Hegarkinder für den Arztberuf entschieden – allerdings war die Familie der Klinik immer treu geblieben und hatte sie weiterhin verpachtet und verwaltet. Udo Hegar hatte sich der Klinik quasi nach und nach angenähert: Fünf Jahre lang hatte der Frauenarzt Belegbetten in der Klinik mit seinem Namen. Elf Jahre lang war er dann selbst Klinik-Chef. 1987 feierte man das 75-jährige Bestehen – und musste 1993 doch aufgeben. Die Klinik trug sich nicht, es drohte Insolvenz. "Der Untergang der Klinik", sagt Udo Hegar, "war eine leidvolle Geschichte."

Für das Haus Nummer 10 in der Wilhelmstraße mit seinen Jugendstilverzierungen und seiner jahrzehntelangen Geschichte als Geburtsklinik war das Jahr 1993 ein Neubeginn, eine Wende mit Anknüpfungspunkten. Eine Gemeinschaft von Ärzten und Juristinnen und Juristen hat das Haus gekauft, das manche gar noch aus Hausbesetzerzeiten kannten, da die Polizei-Sperre vor benachbarten besetzten Häusern flugs übers Hegarklinik-Grundstück umgangen wurde. Udo Hegar nämlich war als aufgeschlossener Christ und engagierter Bürger den ernsthaften Anliegen der Hausbesetzer durchaus zugetan. Er selber hat sich als Pazifist gegen Notstandsgesetze eingesetzt, ist gegen Aufrüstung und Atomkraft angetreten – und für die Gerechtigkeit, den Frieden und die Natur. Dass die Käufergemeinschaft der Hegarklinik gebeten hat, den Namen Hegarhaus weiterführen zu dürfen, ist ihm hochsympathisch. Die Gruppe nämlich hat sich einst Statuten gegeben, die bemerkenswert sind. Unter anderem heißt es da: "Die Nutzung darf antifaschistischen, ökologischen und arbeitnehmerfreundlichen Zielsetzungen nicht zuwider laufen." Rechtsanwältin Maria Viethen und Rechtsanwalt Jens Janssen gehören zu der Gruppe. Viethens Tochter Jette und Jansens Söhne wurden hier geboren. Heute haben sie ihre Büros im ehemaligen Säuglingszimmer und der Wöchnerinnenstation. "Wir passen alle super hier her", sagt Maria Viethen, "denn hier ist praktisch schon immer was Neues entstanden."

Autor: Julia Littmann