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29. Dezember 2011 12:34 Uhr

Verdacht

Freiburger Sportmedizin von der Stasi ausgespäht?

Die Freiburger Sportmedizin kommt nicht zur Ruhe. Dopingbekämpfer Werner Franke kann nach eigener Aussage belegen, dass die einst führende sportmedizinische Einrichtung systematisch von der Stasi ausspioniert wurde.

  1. Doping-Bekämpfer Werner Franke. Foto: dapd

"Die Staatssicherheit der DDR hatte ihre Finger beim Freiburger Doping-Netzwerk im Spiel", sagte der renommierte Dopingexperte aus Heidelberg. Franke zufolge hatte die Stasi in der Zeit vor 1989 mindestens drei "Inoffizieller Mitarbeiter der Abwehr mit Feindverbindung bzw. zur unmittelbaren Bearbeitung im Verdacht der Feindtätigkeit stehender Personen" (IMB) – so der Stasi-Jargon – auf die Abteilung der Universitätsklinik an der Hugstetter Straße angesetzt. Dabei handelte es sich um Stasi-Zuträger in besonderer Funktion, die auf dem Gebiet der damaligen Bundesrepublik geheimdienstlich tätig wurden und für die DDR besonders wichtige Quellen ausspähen sollten. "Drei IMBs waren auf die Sportmediziner dort angesetzt, darunter Joseph Keul und Wildor Hollmann. Aber auch viele andere", sagte Franke den "Stuttgarter Nachrichten".

"Der Stasi wurde sogar berichtet, wer was mit seiner Sekretärin hatte." Werner Franke

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Professor Joseph Keul leitete seit den 1970er Jahren bis zu seinem Tod im Jahr 2000 die Abteilung. Der damals führende Leistungssportmediziner der Bundesrepublik war bei Olympischen Winter- und Sommerspielen im Einsatz und stieg zuletzt zum Präsidenten des Deutschen Sportärztebunds auf. Professor Wildor Hollmann war von 1986 bis 1994 Präsident des Weltverbands für Sportmedizin, der Schwerpunkt seiner Tätigkeit lag allerdings in Köln. Werner Franke hat nach eigenem Bekunden Belege dafür, dass vor der Wende selbst das Privatleben Freiburger Sportmediziner ausgespäht wurde. "Der Stasi wurde sogar berichtet, wer was mit seiner Sekretärin hatte", sagte Franke. Auf die Frage, ob sich Freiburger Sportmediziner in der Folge erpressbar gemacht hätten, erklärte der Heidelberger Dopingbekämpfer: "So kann man das sagen."

Dass die Staatssicherheit Freiburger Mediziner ausspioniert haben soll, ist neu. Darüber hinaus berichtet Franke aber schon seit den 1990er Jahren, dass es auf informeller Ebene stets enge Kontakte zwischen den sportmedizinischen Apparaten der BRD und der DDR gegeben habe. Franke berief sich dabei unter anderem auf das Höppner-Protokoll. Manfred Höppner war der Stellvertretende Leiter des Sportmedizinischen Dienstes der DDR. Als IM "Technik" arbeitete Höppner auch für die Stasi. Im Berliner Dopingprozess wurde Höppner im Jahr 2000 wegen Beihilfe zur Körperverletzung in 142 Fällen zu einer Strafe von 18 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Das Höppner-Protokoll, eine Aufzeichnung des IM für die Stasi über eine Tagung aus dem Jahr 1974, belegt in Frankes Augen die enge Verbindung zwischen DDR- und BRD-Sportmedizin. Wörtlich heißt es darin: "Gegenüber dem IM (gemeint ist Höppner selbst, d. Red.) bestätigte Prof. Dr. Keul, dass in der BRD generell die Anwendung von Anabolen erfolgt und dass er im Prinzip nichts dagegen einzuwenden habe." Bei Anabolen handelt es sich um anabole Steroide, die seit den 1960er Jahren auch im Spitzensport der Bundesrepublik zum Kraftaufbau eingesetzt worden waren. Keul konnte gegen Höppners Behauptung zwar später erfolgreich klagen. Wie eng die Verbindung des einstmals führenden westdeutschen Sportmediziners zu DDR-Vertretern war, belegt aber auch ein Bericht des Nachrichtenmagazins "Spiegel" aus dem Jahr 1994. "Obwohl sich die beiden Sportsysteme in der Öffentlichkeit befeindeten, waren sich die höchsten Vertreter intern in Dopingfragen auffällig einig", heißt es dort. Und weiter: "Höppner pflegte mit dem karrierebewussten Sportmediziner Joseph Keul aus Freiburg eine Duzfreundschaft. In internationalen Beratungen vertrat der Westdeutsche bisweilen sogar die Argumente der DDR."

Bereits im Jahr 2010 hatte Franke gegenüber der Badischen Zeitung angedeutet, dass über das Zusammenspiel zwischen DDR- und BRD-Sportmedizin weitere Enthüllungen zu erwarten seien. So lägen ihm weitere, bislang unveröffentlichte Dokumente vor. Franke, der sich im Auftrag der Freiburger Universität auch offiziell mit der Dopingvergangenheit der Sportmedizin an der Universitätsklinik beschäftigt, erklärte gegenüber den "Stuttgarter Nachrichten": "Da kommen Sachen raus, die glauben Sie gar nicht."

Die unabhängige Untersuchungskommission, der Franke angehört, versucht seit 2007, die Praktiken früherer Sportmediziner zu erhellen. Eine erste Fassung des Untersuchungsberichts werde voraussichtlich Anfang 2012 veröffentlicht werden können, so Franke. Die Kommission wird von der Kriminologin Letizia Paoli aus Belgien geleitet. Die Expertin für internationale Kriminalität und die Bekämpfung der Mafia hatte zuletzt gegen Widerstände in Freiburg eine internationale Fachtagung zur Rolle der Sportmedizin beim Doping in Europa durchgesetzt. Die Tagung auf Einladung der Universität im vergangenen September hatte internationale Beachtung gefunden. Paoli ist nach wie vor mit der Befragung von Zeitzeugen beschäftigt und glaubt ebenfalls, 2012 erste Ergebnisse veröffentlichen zu können.

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Autor: Andreas Strepenick