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05. August 2010

Freiraum für neues Vertrauen

29. BZ-FERIENAKTION: Im Erika-Kramer-Haus, wo ihnen mit Achtung begegnet wird, können wohnungslose Menschen mit hilfreicher Begleitung ihre Würde wiederfinden.

Es liegt nahe an der Innenstadt und doch versteckt. Und das ist gut so. Denn wer ins Erika-Kramer-Haus einzieht – ins Aufnahmehaus des Stadtcaritasverbandes für wohnungslose Menschen –, braucht keine neugierigen Nachbarn. Hier, in der Oberen Haslacher Straße direkt neben der freien Hochschule für Grafik und Design, ist ein Rückzugsort für bis zu 20 Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen aus ihrem Alltag gefallen sind. Hier, wo gestern 45 Interessierte mit der BZ-Ferienaktion zu Gast waren, können wohnungslose Männer und Paare drei Monate lang versuchen, einen neuen Weg für sich zu finden.

Es duftet nach Mittagessen. Im Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss stehen ein Computer, ein paar Bücher und ein großer Tisch mit vielen Stühlen, auf dem Herd kochen Erbsen und Tomatensoße vor sich hin. Immer mittwochs können alle, die wollen, hier zusammen kochen. Den Rest der Woche macht sich jeder sein Essen selbst, in einer der Gemeinschaftsküchen, die es auf jeder der vier Etagen gibt. Sozialarbeiter Thomas Brausam und seine Kolleginnen und Kollegen führen die BZ-Gäste in Gruppen ganz nach oben. Hier leben vier Männer in etwa 13 Quadratmeter großen Einzelzimmern, die mit Bett, Tisch und Schrank möbliert sind. Verteilt auf die Etagen gibt es in dem drei Jahre alten Haus zehn davon, dazu kommen fünf Zweierzimmer für Paare und Menschen, für die es besser ist, nicht allein zu sein. Für Frauen gibt es außerhalb der Paare keine Plätze, für sie ist das Aufnahmehaus der Diakonie an der Engelbergerstraße zuständig.

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Ins Erika-Kramer-Haus sind die Wege kurz: Nicht nur, weil das Stadtzentrum einigermaßen gut erreichbar ist. Sondern vor allem auch wegen des städtischen Übergangshauses für wohnungslose Menschen, das direkt nebenan liegt. Während diese Notunterkunft immer wieder in der Kritik steht und nur ein Ort sein soll, der einen ersten Schutz vor dem Leben auf der Straße bietet, hat das Erika-Kramer-Haus weitergehende Ziele. Wer hier lebt, soll wieder Vertrauen zu sich und seiner Umwelt aufbauen. So steht es auf der Gedenktafel, die im Erdgeschoss an Erika Kramer erinnert. Sie hat den Verein "Freunde von der Straße" mitgegründet und ist 2001 tödlich verunglückt – jetzt setzen sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Caritasverbandes ihr Anliegen fort: Kein Mensch soll seine Würde verlieren, jedem wird mit Achtung begegnet.

Wer hier arbeitet, weiß wie Martin Pfetzer, der Leiter des Hauses, dass jeden, der auf der Straße landet, seine Geschichte und seine Erfahrungen zu diesem Punkt geführt haben. Einige haben "gelernt", sich auf keine Beziehung zu ihrer Umwelt mehr einzulassen. Andere, von denen manche durch den Verlust ihres Arbeitsplatzes aus ihrem gewohnten Leben fielen, sind bereit, mit den Mitarbeitern im Erika-Kramer-Haus neue Wege zu suchen. Eine Teilnehmerin staunt: "Reichen da drei Monate?" Ein Aufnahmehaus soll nach den Ausführungsbestimmungen des früheren Landeswohlfahrtsverbandes Baden kein dauerhaftes Zuhause sein, sagt Martin Pfetzer. Es geht darum, zu einem Plan fürs eigene Leben zu finden, zurück in eine "Normalität". Das gelang seit Beginn der Arbeit 2007 im Schnitt 60 bis 70 Prozent der Bewohner.

So liegt in diesem Jahr bisher die Zahl derjenigen, die in eine eigene Wohnung zogen, im Vergleich zu den Vorjahren mit knapp 43 Prozent besonders hoch. 11,4 Prozent haben sich für Betreutes Wohnen entschieden, 20 Prozent holten sich im Anschluss Unterstützung bei ihren Suchtproblemen und anderen psychischen Erkrankungen, mit denen etwa ein Drittel aller Wohnungslosen besonders belastet sind. Für knapp 26 Prozent hat die Zeit im Erika-Kramer-Haus keine Lösung gebracht. Dass Menschen vorzeitig weggeschickt werden, weil sie sich nicht an Absprachen halten, geschieht selten. Und Probleme mit der Ordnung im Haus gibt’s nicht öfter als bei anderen Mietern, antworten die Mitarbeiter einigen BZ-Gästen, die sich danach erkundigen. Die Menschen leben hier selbstständig und "unbeaufsichtigt" – abends nach 19 Uhr und an Wochenenden und Feiertagen ohnehin, aber auch sonst.

Dass das Erika-Kramer-Haus gebraucht wird, zeigt nicht nur die Warteliste. Immer mehr Menschen werden wohnungslos. In Freiburg leben etwa 400 bis 650 Frauen und Männer ohne Dach überm Kopf, sagt Wolfgang Humpfer, Leiter der Caritas-Fachdienste für Wohnungslose.

Weitere Fotos der BZ-Ferienaktion auf http://www.badische-zeitung.de

Autor: Anja Bochtler (Text) und Ingo Schneider (Fotos)