Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

09. Oktober 2017

Betroffenen-Treffen in Freiburg

Für Kleinwüchsige kann schon ein Hocker eine große Hilfe sein

Rund 80 Kleinwüchsige und ihre Familien tauschten sich bei einem Treffen in der Freiburger Jugendherberge über ihre Erfahrungen aus.

  1. In Freiburgs Jugendherberge fand das Herbsttreffen des „Landesverbandes für kleinwüchsige Menschen und ihre Familien“ (LKMF) statt. Foto: privat

Deana Knippschild aus Bad Krozingen ist eine ganz normale Frau – außer, dass sie nur 124 Zentimeter groß ist. Die 30-Jährige, die von der Karibikinsel Trinidad und Tobago stammt, hat Achondroplasie, eine Form von Kleinwuchs, bei der der Rumpf normal groß, Arme und Beine aber verkürzt sind. Wie sie damit zurechtkommt? "Für mich ist das ganz normal, ich habe akzeptiert, dass ich kleinwüchsig bin. Klar, ein paar Dinge fallen mir schwerer, aber davon lasse ich mich nicht einschränken", berichtete Knippschild beim Kleinwüchsigen-Treffen am Wochenende in Freiburg.

Über ihre Lebensweise, Tipps und Tricks tauschten sich rund 80 Teilnehmer beim Herbsttreffen des "Landesverbandes für Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien" (LKMF) Baden-Württemberg aus. Das findet Deana Knippschild sehr nützlich. Als sie vor fünf Jahren nach Deutschland auswanderte, weil sie hier für sich bessere Berufschancen und Möglichkeiten sah, nahm sie an ihrem ersten LKMF-Treffen teil. "Zuerst war ich überfordert, weil ich noch nie einem anderen Kleinwüchsigen begegnet war. Aber dann erkannte ich einen Teil von mir in den anderen wieder", erinnert sich die Speditionskauffrau. Der Verband gab ihr Tipps zu Anträgen auf Behindertenausweise oder zum Führerschein, den sie gerade absolviert. Um Auto zu fahren, nutzen Kleinwüchsige meist Handgas oder lassen sich Pedalverlängerungen einbauen.

Werbung


Im Haushalt verzichtet sie auf Sonderanfertigungen oder barrierefreie Umbauten. Geschirr und Lebensmittel sind in Reichweite verstaut, Dinge, die man unregelmäßiger nutzt, in luftiger Höhe. Ihr einziges Hilfsmittel: ein Hocker. "Manchmal klettere ich lieber oder lasse mir etwas anderes einfallen. Es gibt immer einen Weg, man muss nur kreativ sein", sagt sie.

Ihre körperliche Fitness ist ihr wichtig, um möglichst flexibel und unabhängig zu sein. Fast täglich trainiert Knippschild auf dem Laufband im Fitnessstudio, zwei Mal pro Woche tanzt sie Zumba. Auch mit dem Fahrrad fährt sie gerne: Sie besitzt ein auf ihren Körperbau abgestimmtes Spezialrad sowie ein Kinderfahrrad. Das allerdings stört die 30-Jährige an ihrem Kleinwuchs: Es gebe kaum Anbieter, die Zubehör oder Kleidung für Kleinwüchsige herstellen. All ihre Klamotten müssen geändert werden, mit Schuhgröße 33 kann sie nur in der Kinderabteilung einkaufen: "Es ist sehr schwierig, neutrale Schuhe zu finden, auf denen keine Prinzessinnen aufgedruckt sind".

Wenn Deana Knippschild auf die Straße geht, wird sie fast immer angesprochen: "Die Leute sind freundlich zu mir und interessieren sich dafür, warum ich klein bin. Ich sehe besonders gerne, wie neugierig die Kinder sind". Weder in ihrer Heimat noch in Deutschland sei sie gehänselt oder schlecht behandelt worden, im Gegenteil.

"Es kommt auf die Einstellung an. Das A und O ist, dass man mit sich im Reinen ist", sagt auch der Freiburger Dominic Krey, der stellvertretende Vorsitzende des LKMF: "Ich bin selbstbewusst erzogen worden und habe Kommentare nicht persönlich genommen." Der 26-jährige Betriebswirt ist ebenfalls von der Einschränkung betroffen. "Wir wollen Familien, die ein kleinwüchsiges Kind bekommen, die Angst nehmen", erläutert er: "Wir klären über ihre Möglichkeiten auf und helfen zur Selbsthilfe."

Das Kind einer jungen Familie erhielt erst vor kurzem die Diagnose Kleinwuchs, am Wochenende machten sie sich auf dem Herbsttreffen ein Bild vom LKMF. Gerade in dieser Phase des ersten Schocks sei es für die Eltern eine enorme Entlastung, Ratschläge und Erfahrungen anderer Kleinwüchsiger und von deren Familien zu hören. Der Verein liefert nützliche Informationen über Steuervergünstigungen, organisiert aber auch Vorträge über neue Operationsmethoden oder Erkenntnisse. Gleichzeitig können sich die Betroffenen und ihre Familien beim Klettern oder Fußballspielen besser kennenlernen und sich austauschen.

Mehr Infos über den LKMF, seine Termine und Kontaktdaten: http://www.lkmf-bw.de

Kleinwuchs

Kleinwuchs ist eine Wachstumsstörung, von der laut "Landesverbandes für Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien" (LKMF) zwischen 40 000 und 60 000 Personen in Deutschland betroffen sind. Als kleinwüchsig gelten Erwachsene, die nicht größer sind als 150 Zentimeter. Die Erkrankung gilt als körperliche Behinderung, sie wirkt sich nicht auf Intelligenz oder Lebenserwartung aus. Kleinwuchs kann durch Chromosomenanomalien, genetische Veranlagung oder Krankheiten der Mutter während der Schwangerschaft entstehen. Die häufigste genetische Ursache für Kleinwuchs ist die Achondroplasie, unter der zum Beispiel der Schauspieler Peter Dinklage ("Game of Thrones") leidet. Sie zählt zu den Skelettdysplasien, einer Gruppe diverser Entwicklungsstörungen des Knorpel- oder Knochengewebes, die zu Verschiebungen der Körperproportionen und des Skeletts führen. Der hormonelle Kleinwuchs beruht hingegen auf einem Mangel von Wachstumshormonen und kann durch deren künstliche Zufuhr ausgeglichen werden, während sekundäre Kleinwüchsigkeit zu Lebzeiten als Folge schwerer chronischer Krankheiten oder psychosozialer Vernachlässigung entsteht.  

Autor: cfo

Autor: Claudia Förster