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08. Mai 2013

Getäuscht, aber nicht enttäuscht

Optische Täuschungen und verwirrende Klänge beim ersten "Science Jam" an der Universität.

  1. Ein Sehforscher und drei Musiker lassen sich von optischen Täuschungen inspirieren. Foto: ingo schneider

Das laute Kettenrasseln mag nicht wirklich zu den sanften Klängen der Violine passen. Und das, was die Augen auf der Leinwand zu sehen meinen, täuscht. Beim Start der neuen Veranstaltungsreihe des Bernstein-Centers und des Exzellenzclusters "Brain Links – Brain Tools" trickst ein Sehforscher den Sehsinn aus. Davon inspirieren lassen sich drei Jazzmusiker, die die optischen Täuschungen in Töne verwandeln.

Dass Wissenschaft nicht trocken sein muss, wird an diesem Abend in der Werkstatt des Bernstein-Centers Freiburg schnell klar. Das Jazztrio stellt das gewohnte Hörverhalten der Gäste auf die Probe. Da spielt Felix Borel die Violine schon mal wie eine Gitarre, Dieter Schroeder, der am Schlagzeug sitzt, raschelt mit Plastiktüten oder imitiert einen Herzschlag und Wolfgang Fernow bringt den Kontrabass zum Knarren. Auch wenn die Töne alles andere als harmonieren, hört man gerne zu.

Genauso wie man dem Referenten gerne seine Aufmerksamkeit schenkt. Michael Bach, Sehforscher an der Universitäts-Augenklinik, gibt der Wissenschaft einen unterhaltenden Charakter. An die Wand projiziert er Erstaunliches: Da jagen die Augen grüne Punkte, die gar nicht existieren. Oder Bach bringt die Zuschauer dazu, sich die Faust an die Stirn zu legen und den Zeigefinger der anderen Hand hinter dem Arm vorbeizuschieben. Doch auf der anderen Seite kommt der Finger nicht mehr raus. Die Täuschungen sind faszinierend – und irgendwie auch ein wenig erschreckend.

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"Das gibt’s doch nicht", "Ist das krass", "Wie gruslig", tönt es aus dem Zuschauerraum. Einige müssen stehen, der kleine Raum überfüllt. Ein paar Besucher werden wieder weggeschickt. Wissenschaft scheint selbst am Abend nicht abzuschrecken. Schon gar nicht im Mai, wurde der Wonnemonat von der Europäischen Kommission doch zum "Monat des Gehirns" erklärt.

Nicht nur Licht und Schatten tricksen den Sehnerv aus

Während noch in allen Ecken getuschelt wird, erklärt Michael Bach, warum das Auge sieht, was es sieht. Die Zuschauer erfahren, dass das Gehirn eine "innere Welt" konstruiert – aus individuellen Erfahrungen und evolutionär bedingt. "In ungewöhnlichen Situationen passen diese Erfahrungen nicht", sagt Bach. So täuschten uns unsere Sinne. Und die Schauspielerin Christine Neubauer, deren Foto Bach an die Wand projiziert, sieht plötzlich schlanker aus, als sie tatsächlich ist. Verantwortlich für die Täuschung: die Schattierungen an ihren Hüften.

Doch nicht nur Licht und Schatten tricksen unseren Sehnerv aus, sondern auch Farben, Gestalten oder Bewegungen. "Das ist jetzt keine Täuschung. Ehrenwort", sagt Bach, als er ein Bild zeigt, dass das Gehirn so wahrnimmt, wie es tatsächlich ist. Denn die Zuschauer trauen ihren Augen längst nicht mehr. Wird der Vortrag doch mal zu theoretisch, übertönen die Musiker den Referenten mit improvisierten jazzigen Klängen, bis Bach nur noch seine Lippen bewegt und ganz verstummt. Zu viel Platz soll die Wissenschaft an diesem Abend dann doch nicht bekommen.

Mit dem ersten "Science Jam" weiht die Uni auch die Bernstein-Werkstatt ein. Hier sollen regelmäßig Veranstaltungen für Wissenschaftsinteressierte stattfinden. Wann es den nächsten "Science Jam" geben wird, ist noch offen, so Stefan Rotter, Direktor am Bernstein-Center. Denn im Vorfeld sei noch nicht klar gewesen, "was bei diesem Experiment herauskommt". Im Nachhinein ist klar: Das Experiment ist geglückt, die Zuschauer sind fasziniert. Selbst in der Pause sieht man den ein oder anderen, der den Trick mit dem Finger noch einmal probiert. Und es immer noch nicht fassen kann.

Der "Science Jam Nr. 1" war der Freiburger Beitrag zum "Bernstein Tag 2013". Deutschlandweit finden Aktivitäten zum Thema "Gehirn" statt.

Infos und weitere Veranstaltungen des Bernstein-Centers Freiburg findet man auf http://www.bernstein-werkstatt.info

Autor: Sina Gesell