Freiburg

Gutachten sieht starken Wildwuchs bei Quartiersarbeit

Uwe Mauch

Von Uwe Mauch

Do, 15. September 2016 um 10:30 Uhr

Freiburg

Freiburgs Quartiersarbeit ist geprägt von Zufällen und Gelegenheiten, sagen die externen Experten und fordern klare Standards samt Kontrolle.

Die Gutachter des Hamburger Fachbüros Consens haben die Quartiersarbeit in Freiburg unter die Lupe genommen. Dazu haben sie aus verschiedenen Sozialdaten einen Indikator gebildet, aus dem sich auch die Dringlichkeit von Sozialarbeit für ein Quartier ablesen lässt. Einer der Hauptkritikpunkte: Geld aus der Stadtkasse fließt nicht unbedingt dorthin, wo es am nötigsten wäre. Und: Die Stadtverwaltung hat den Rahmen nur unzureichend vorgegeben. Die Träger der Quartiersarbeit haben die Spielräume entsprechend genutzt.

Die bisherige Praxis, so heißt es im Gutachten, habe zu Problemen bei der Qualität und zu "erheblichem Wildwuchs" geführt. Grund: Die Stadtverwaltung hat die Quartiersarbeit an Freie Träger übergeben, aber kaum gesteuert und kontrolliert. Die Analyse habe ergeben, dass "Anlässe und Ursachen für die Freiburger Quartiersarbeit von Zufällen und Gelegenheiten geprägt waren". Es werde nach den Gesetzen des "Bestandsschutzes gearbeitet". Die externen Experten halten es für "unbedingt erforderlich", Inhalte, Standards sowie deren Steuerung grundlegend zu vereinheitlichen. Die wichtigsten Kritikpunkte aus dem Gutachten:

» Die Zielsetzungen seien sehr allgemein und ließen einen breiten Interpretationsspielraum. Die Stadtverwaltung nehme wenig Einfluss auf die Inhalte mit der Folge, dass manche Aktivitäten und Schwerpunkte nicht gerade zu den Kernaufgaben einer kommunalen Quartiersarbeit gehörten. Genannt werden die Organisation von Märkten oder Erwachsenenbildung. Die Quartiere hätten einen hohen Freiheitsgrad und nutzten diesen. Dadurch komme es zu Konflikten mit der Verwaltung, die das allerdings selbst zu verantworten habe, weil sie den Rahmen nur unzureichend setzt. Die Träger der Quartiersarbeit nennen die Erwartungen der Stadtverwaltung "diffus".
Die Strukturen der Gremien seien uneinheitlich. Es gebe weder für die Rolle der Gremien, wie zum Beispiel Vorstand, Quartiersbeirat oder Runder Tisch, noch für deren Zusammensetzung Standards. Auch gebe es Probleme mit der Abgrenzung zum Beispiel zwischen dem Verein als Arbeitgeber und dem Quartiersbeirat als Entscheidungsgremium.

» Alle Quartiere geben an, sich an den Standards zu orientieren, die in einer städtischen Konzeption des Jahres 2014 und in einem Papier des Freiburger Arbeitskreises Gemeinwesenarbeit formuliert sind. Gleichzeitig, so die Gutachter, zeigte sich im Laufe ihres Prozesses, dass sie gerade nicht eingehalten werden. Die Gemeinwesenarbeit sei häufig auf Bewohnerthemen orientiert sowie auf die Organisation von Mittagstischen und Flohmärkten statt auf Hilfe zur Selbsthilfe – das sogenannte Empowerment. Dieser Begriff sei in Freiburg negativ besetzt, weil er nicht so sehr die Befähigung zur autonomen Lebensführung beschreibe, sondern "vielmehr die Zuspitzung politischer Konflikte in den Quartieren". Die Rollen der Quartiersarbeit müssten geklärt werden.

» Die Zusammenarbeit zwischen Quartieren und Stadtverwaltung sei "weitgehend zufriedenstellend". Schwierigkeiten tauchten jedoch immer wieder auf, wenn Zuständigkeiten im Rathaus nicht klar seien, und die Kommunikation zwischen unterschiedlichen Ämtern die Arbeit vor Ort behindere. Die halbe Personalstelle für die Koordination der Quartiersarbeit sei zu wenig und innerhalb des Rathauses relativ niedrig angesiedelt.

» Nicht objektiv nachvollziehbar sei, welches Quartier wie viel Personal bekomme. Beschäftigt werde eine große Bandbreite, von Geschäftsführern bis Raumpflegern. Nur die Hälfte seien Pädagogen. 21 Prozent seien Verwaltungs- oder Leitungskräfte. Fortbildungen und Supervision seien nicht üblich. Auch für die Ausstattung gebe es keine Standards, teilweise sei sie nicht bedarfsgerecht.

Der Bedarf an Quartiersarbeit könne "nicht als flächendeckend planvoll bezeichnet werden". Das Gutachten
bildet einen Index, der die Stadtteile in vier Statusgruppen einteilt: von hoch bis sehr niedrig. Und es setzt den ermittelten Bedarf ins Verhältnis zum derzeit beschäftigten Personal. Danach sind in Rieselfeld, Vauban und Weingarten zu viele tätig, während Brühl und Stühlinger "nicht adäquat berücksichtigt" seien. In einer "moderaten" Berechnung kommen die Gutachter auf einen stadtweiten Bedarf von zusätzlichen 4,5 Personalstellen.
Quartiersarbeit

Seit den 70er Jahren unterstützt die Stadt Freiburg in verschiedenen Stadtteilen sogenannte Gemeinwesenarbeit: Sozialarbeit vor Ort mit dem Ziel, die Bewohner zu motivieren und zu befähigen, sich für ihre Belange und auch für den Stadtteil einzusetzen. Heute ist von Quartiersarbeit die Rede. Die Stadt finanziert 19,5 Stellen, von denen aber nur 9,9 Stellen unmittelbar Quartiersarbeit leisten – der Rest ist für Verwaltung, Leitung und weitere Projekte vorgesehen.

Dafür gibt die Stadt 1,3 Millionen Euro pro Jahr aus. Derzeit sind neun Freie Träger, zumeist Vereine, in zwölf Quartieren tätig: Nachbarschaftswerk (Weingarten: Quartiersarbeit im Auggener Weg sowie Lindenwäldle; und in Stühlinger: Untere Ferdinand-Weiß-Straße sowie in Haslach: Stadtteilbüro); Bewohnerinitiative Unterwiehre International (Quartiersbüro Westlich der Merzhauser Straße); Forum Jugendarbeit Hochdorf; Stadtteilverein Vauban; Verein Kiosk (Stadtteilzentrum Glashaus Rieselfeld); Haus der Begegnung (Quartiersarbeit Landwasser); Forum Weingarten (Stadtteilbüro und Quartiersarbeit); Jugendtreff Brühl-Beurbarung (Stadtteiltreff); Caritas (Stadtteiltreff Betzenhausen-Bischofslinde).