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26. November 2016

HINTERGRUND: Ein Kassenhäuschen als Notwohnung

Nach dem Fliegerangriff lebten vor allem auch ältere Menschen bis in die 50er-Jahre hinein in elenden Verhältnissen.

Als die Alarmsirenen zu heulen anfingen, begannen für viele Menschen die letzten Minuten ihres Lebens. Gerade Alte und Gebrechliche hatten gegenüber Gesunden – in diesem Chaos mit meterhohen Trümmerbergen und fliehenden Menschen – nur geringe Überlebenschancen. Der damals bei Altersgebrechen verbreitete Rat zur Bettruhe hatte viele Senioren langfristig gehunfähig gemacht. Entsprechend hilflos waren sie, als sich das Feuer näherte. So heißt es über eine nicht geborgene 78-jährige Frau: "Grabungen ohne Erfolg. Dürfte im Bett verbrannt sein".

Allein 647 getötete und identifizierte Opfer des Angriffs waren über 60 Jahre alt, davon 227 Tote über 70 und 70 Menschen über 80. Innerhalb von 23 Minuten waren 700 Heimplätze vernichtet worden. Die Senioren waren "obdachlos und zudem der meist armseligen Habe des kleinen Heimzimmers mit den Erinnerungen auf der Kommode beraubt", wie die Presse rückblickend berichtete.

Gegenüber dem Colombipark war das 1884 erbaute Pfründhaus, ein gehobenes Altenheim, in Flammen aufgegangen. Bloß eine ausgebrannt Ruine mit Fassadenresten blieb von dem einst prächtigen Gebäude übrig. Schreiende und orientierungslose Alte irrten umher. Nur noch das Marienhaus und die Kartaus Richtung Dreisamtal waren in Betrieb und völlig überbelegt. In der für 200 Personen zugelassenen Kartaus drängten sich nun doppelt so viele, darunter 240 Bewohner des zerstörten Pfründhauses und des damals an der Gauchstraße befindlichen, ebenfalls zerstörten Heiliggeistspitals.

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Nur alle sechs Wochen wurden die Bettwäsche gewechselt und bei dieser Gelegenheit auch die Fußpflege erledigt. Frechen Kindern wurde damals gedroht: "Wenn du nicht artig bist, kommst du in die Kartaus!"

Die Widerstandskraft der Älteren war gebrochen. Franz Flamm, langjähriger Leiter des Wohlfahrtsamtes, schrieb über deren Situation: "Es war kein Leben mehr, sondern nur noch ein Vegetieren unter Warten und Qualen." Dies führte zu einer erhöhten Sterblichkeitsrate unter den Senioren in der Nachkriegszeit. Hunger, unzureichende medizinische Versorgung und dementielle Erkrankungen machten den in der Stadt Verbliebenen zu schaffen. Das Gesundheitsamt notierte im Jahr 1945: "Täglich müssen alte Leute abgewiesen werden, die wegen Hilflosigkeit oder drohender Verwahrlosung dringend der Aufnahme bedürfen."

Von 1946 an gab es Überlegungen für eine provisorische Aufnahme solcher Menschen in Gasthäusern. Doch auch drei Jahre später hatte sich nichts geändert, denn "ältere Männer ernähren sich von unregelmäßigen Vespern, sammeln Tabak auf der Straße und suchen abends ihre elende Schlafstelle auf."

Eine Dame hatte sich mit ihren Angehörigen gar das Kassenhäuschen des Faulerbades als Notwohnung zurechtgemacht. Auch Heuböden, Ställe, Ruinenkeller und Schrebergärten wurden genutzt. Erst in den 1950er Jahren kam Entlastung durch den Neubau des Emmi-Seeh-Heims (1953) und weiterer Heime in den Folgejahren. Vom Wirtschaftswunder profitierten die Älteren vorerst jedoch nur wenig.

Autor: Carola Schark