Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

30. Dezember 2008

Im Alter kommt der Psalter – oder aber nichts

Mit dem Älterwerden wandelt sich auch die Religiosität: Die Befreiung aus Strukturen kann ebenso hilfreich sein wie die Geborgenheit in ihnen

  1. Graue Haare sind in Kirchen wie dem Freiburger Münster häufig zu sehen – macht das Alter (wieder) fromm? Foto: ingo schneider

Wir liegen entspannt in unseren Liegestühlen und schauen in den blauen Sommerhimmel. Gespräche über Gott und die Welt. Er ist gerade dreißig Jahre älter als ich, zweiundneunzig. "Was erwartest du nach dem Tode?" Seine Antwort: "Nichts". Der alte Herr war zeitlebens ein treuer, praktizierender Katholik. Ein Zweifel hat ihn nie erschüttert. Und doch: "Nichts". Die Buddhisten nennen es lieber Leere, um nicht an den destruktiven Nihilismus des Westens zu erinnern.

Ähnlich die Begegnung mit einem achtzigjährigen Prälaten aus der Nachbarschaft, der sich etwas verschmitzt im Gespräch über das Jenseits äußert, im Diesseits wisse er doch wenigstens, was er habe. Alte Menschen werden manchmal unverblümt frei, können loslassen.

Staunen auf meiner Seite. Ist das so selbstverständlich, was ich da erfahre? Keineswegs. Die Gründe und Ursachen sind vielfältig: das eigene Leid, das alle geistigen und körperlichen Kräfte braucht und aufzehrt; Vernunft und Rationalität, die sich im Alter gegen Konventionen durchsetzen; das unermessliche Leid auf Erden, das der Existenz eines guten Gottes widerspricht...

Werbung


Dagegen steht die große Anzahl derer, die "treu bis in den Tod", uneingeschränkt und ohne Wenn und Aber am Glauben festhalten, den Glauben festhalten, sich am Glauben festhalten. Auch ihre Gründe sind zu respektieren: Was Gott tut, das ist wohl getan; Gottes Wege sind nicht unsere Wege; mein Vertrauen in seine Liebe und Verheißung wird belohnt; die Vernunft verlangt ein höheres personales Wesen. Die Geborgenheit in den vorgegebenen Strukturen ist von großer Bedeutung in vielen individuellen Lebensprozessen, zumal sehr oft personale Beziehungen damit verknüpft sind.

Die Freiheit des Loslassens und die Geborgenheit

in Strukturen sind beide

heilsam für die Seele

Der Wandel der Religiosität mit dem Alter hat also seine zwei Seiten, die beide ernstzunehmen sind. Die Freiheit des Loslassens einerseits und die Geborgenheit in Strukturen andererseits sind bei aller Gegensätzlichkeit beide heilsam für die Seele, beruhigend für den Geist, "barmherzig" für unsere Hoffnungen und nehmen die Furcht vor dem Tod.

Diese Ambivalenz geht durch alle Religionen. Wir sollten nicht meinen, das sei ein typisch christliches Phänomen. Und es geht durch alle Jahrhunderte. Wie viele Schmerzen mussten schon ausgehalten werden – mit positivem oder negativen Ausgang für die Religiosität: Stilles (oder lautes) Leiden in Identifikation mit dem leidenden "Gottesknecht" Jesus von Nazareth – oder aber Auflehnung gegen das von Gott verhängte Geschick, Revolte bis hin zum Gottesverlust oder Aufgehen in einer Art "gottloser Mystik", wie bei Fritz Mauthner (gestorben 1923).

Die Tatsache, dass es so geht und auch anders, lässt die Frage nach dem Wesen der Religion wach werden. Jean Paul (gestorben 1825) meint, eine Religion nach der andern lösche aus, aber der religiöse Sinn, der sie alle schuf, könne der Menschheit nie getötet werden. Der Mann hat wohl Recht. Gotthold Ephraim Lessing (gestorben 1781) nähert sich von anderer Seite demselben Phänomen, wenn er sagt, der Buchstabe sei nicht der Geist und die Bibel sei nicht die Religion. Es scheint so, als ob der Mensch von Natur aus auf Religion angelegt sei.

Aber was ist dann Religion, was der "religiöse Sinn"? Gibt es "mehr" oder "weniger" Religion? Was ist echte, was unechte Religion?

Der Freiburger Religionsphilosoph Bernhard Welte (gestorben 1983) spricht 1952 von Wesen und Unwesen der Religion und kommt zu einem fast vernichtenden Urteil: "Die religiösen Vorstellungen, die religiösen Begriffe, die Kult- und Gemeinschaftsformen werden isoliert gegen das wirklich Heilige, das zu vermitteln sie da sind, zu einer Sache in sich selber und zu einem geschlossenen Bereich, der nicht mehr über sich selbst hinausweist. . . " In seiner kleinen Schrift "Das Licht des Nichts" von 1980 stellt Welte die Gottesfrage so radikal, dass Gott nur im Übersteigen alles Gegenständlichen in das Nichts hinein annähernd erfahren werden kann.

Im Buch des Benediktinerpaters Anselm Grün ("Die hohe Kunst des Älterwerdens") wird der Religionsbegriff nicht eigens reflektiert. Er spricht von drei Grundregeln für die Kunst des Altwerdens: Die Schritte des Annehmens, des Loslassens und des Über-sich-Hinausgehens. Ich möchte eine Regel ergänzen: Die des Aushaltens, das etwas anderes ist als das Annehmen. Es ist schlimmer und beschwerlicher zu bejahen.

Gerade im Wandel ihrer Religiosität mit dem Alter können Menschen frei werden



Wir sind gewohnt, den Dingen und Phänomenen einen Sinn (unseren Sinn) zuzuteilen. Und dies ist auch gut so. Aber andererseits ist damit nicht alles machbar für uns, nicht einmal die eigene Religiosität. Wir sind genetisch und durch Sozialisation geprägt und durch jede Begegnung und Widerfahrnis selbst ununterbrochen im Wandel begriffen. Da könnte das Wort von der "Gnade", die wir nicht steuern können, sondern empfangen, schon noch einen tiefen Sinn haben.

Wandel und Wachsen im Alter: Die Kirchen – die Religionen – täten gut daran, sich "seel"sorgerlich darauf einzustellen, dass die Menschen gerade im Wandel ihrer Religiosität mit dem Alter frei, ja autonom werden können. Jeder wächst aus seinem eigenen Ursprung. Dieser Gedanke Weltes passt so gut zu der indogermanischen Herkunft des Wortes Alter, wo es vom Stamm "*al-" = "wachsen" kommt. Im Wachsen ist Wandel und Dynamik, also das Gegenteil von dem, was viele im Alter erwarten. Aber ein solches Wachsen ereignet sich nicht einsam und allein, sondern im Dialog – mit dem Du, dem Mitmenschen, mit der Welt, dem "Gegenüber" und vielleicht mit Gott, wenn dies die Hoffnung des Menschen ist.

Weihnachten erinnert viele ältere Menschen an ihre Kindheit und Jugend, an frühere Zeiten. Sie nehmen selbst wahr, wie sich alles gewandelt hat, in der Gesellschaft, im täglichen Leben zu Hause, in den Kirchen, wie sie sich selbst gewandelt haben. Was ist geblieben von dem alten Liebgewordenen, behutsam Gepflegten, vielleicht mühsam Festgehaltenen, von den schönen Bräuchen, den zu Herzen gehenden Liedern, den frommen Gebeten, den erhebenden Gottesdiensten im Miteinander? Und wie fühlen wir uns jetzt? Durch Verlust geschwächt und traurig oder vom Ballast befreit und froh? Aber dabei wollen wir nicht schwarz-weiß malen – es sind fließende Übergänge, immer schon und auch hier und jetzt.

Der Autor ist promovierter Theologe, 73 Jahre alt und war Lehrbeauftragter an den Universitäten Freiburg und Mannheim.

Autor: Udo Janson