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16. Juli 2014

In Freiburg wurden 18 neue Stolpersteine verlegt

Die Stolpersteine erinnern an Opfer des nationalsozialistischen Freiburgs, in den vergangenen Tagen kamen 18 neue dazu.

  1. Vertrieben: Pia und Georg von Hevesy. Foto: privat

  2. Georg von Hevesy, der Sohn der Hevesys aus Stockholm, mit Marlis Meckel. Foto: Thomas Kunz

Georg von Hevesy steht vor seinem Geburtshaus. Hier, in der Rosastraße 21, kam er im Juli 1928 zur Welt. Mehr als achteinhalb Jahrzehnte später schaut er den jungen Straßenbauern Michael Textor und Django Reinhardt vom Tiefbauamt zu: Sie verlegen zwei Stolpersteine – eingraviert sind die Namen Pia und Georg von Hevesy. Seine Eltern.

Georg von Hevesy heißt wie sein berühmter Vater, der 1943 den Chemie-Nobelpreis bekam. Damals, als das nationalsozialistische Freiburg ihn und seine Familie längst vertrieben hatte. Gleich 1933 hatte der bekannte Philosoph und damalige Uni-Rektor Martin Heidegger von Georg von Hevesy eine "Stellungnahme" wegen seiner jüdischen Wurzeln gefordert. Danach konnte er zwar als eine von wenigen Ausnahmen noch weiter arbeiten, die Lage aber war angespannt. So entschloss er sich zu einem Schritt, der ihm sehr schwer gefallen sein muss, weil er Freiburg liebte: Im September 1934 beantragte er seine Entlassung an der Universität. Im Oktober emigrierten er und seine Frau Pia von Hevesy mit ihren vier Kindern nach Kopenhagen, im Herbst 1943 ging es weiter nach Schweden.

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Die Hevesys hatten Glück, sie gehörten zu den privilegierten Emigranten: Georg von Hevesy, 1885 in Budapest in eine großbürgerlich-adelige Familie hineingeboren, wurde überall auf der Welt für seine Forschungen als Experimentalphysiker ausgezeichnet, den Nobelpreis bekam er in Chemie. Sein Sohn erinnert sich, wie der Vater – egal wo er lebte – immer "sehr sehr beschäftigt" war. Die Verbindung zu Freiburg blieb. In der Nachkriegszeit fragte er seine Kinder, ob sie zurückgehen würden – und akzeptierte, dass sie in Schweden bleiben wollten. 1961 kam er dann doch wieder, lebte bis zu seinem Tod 1966 mit seiner Frau am Schlossberg. Beide wurden auf dem Friedhof Littenweiler beerdigt und später nach Budapest verlegt. Ihr Sohn Georg wurde Kinderarzt, lebt in Stockholm, hat zwei Söhne, fünf Enkel, zwei Urenkel. Eine Tochter der Hevesys lebt in einem Freiburger Pflegeheim.

Josephine Antonie Schönstein
So eine wie sie wurde nie irgendwo beachtet: Ohne den Stolperstein in der Habsburger Straße 135 wäre Josephine Antonie Schönstein für immer vergessen. Sie starb mit 27 Jahren im Herbst 1940, ermordet in einer Gaskammer in Grafeneck, wohin Menschen mit Behinderungen und psychischen Krankheiten gezielt zu ihrer Vernichtung gebracht wurden. Josephine Antonie Schönstein wurde 1913 geboren, sie war katholisch und arbeitete als Küchenmädchen im "Wiener Café" in der Habsburger Straße, die damals Kaiserstraße hieß.

Bereits 1933 hatte der Bezirksarzt Hassmann mit der Diagnose "angeborener Schwachsinn" ihr Schicksal besiegelt, sie wurde 1935 gegen ihren Willen sterilisiert und in die Emmendinger "Irrenfürsorge" verfrachtet.

Karl Müller
Erhängt in der Zelle – so ging das Leben von Karl Müller zu Ende. Er wurde 1886 geboren und arbeitete als Sattlermeister im Lederwarengeschäft in der Kaiser-Joseph-Straße 197 – der damaligen Adolf-Hitler-Straße. Er hatte das Geschäft von seinem Onkel übernommen und wohnte über den Geschäftsräumen. Karl Müller war katholisch und unverheiratet. 1942 wurde er verhaftet, schon 1938 war er zehn Monate in Haft gewesen. Sein "Verbrechen" lautete: "Unzucht mit Männern". Karl Müller wusste, was ihm als Homosexuellem drohte – unzählige Qualen in Gefängnis und Konzentrationslagern. Er nahm sich das Leben, 56 Jahre alt.

Die Montbruns
Ohne ihren "arischen" Mann Hermann (geboren 1907) hätte Selma Montbrun (geboren 1894) als Jüdin vermutlich keine Chance gehabt. Schon direkt nach der Heirat der beiden im Jahr 1933 wurde er in Müllheim, wo sie lebten, von den Nazis zur Scheidung gedrängt. 1939 musste das Paar den eigenen Landwirtschaftsbetrieb schließen. Im November 1940 wurde Selma Montbrun unter einem Vorwand ins Müllheimer Rathaus bestellt und ins Arbeitslager St. Andreasberg verschleppt – später bezeichnete man dieses Ereignis sogar in Nazi-Kreisen als "Frauenraub und Wildwest in Müllheim".

Hermann Montbrun schaffte es, seine Frau zu befreien. Die Montbruns zogen nach Freiburg in die Goethestraße 14. Selma Montbrun wurde von eifrigen Nazis knapp vor Kriegsende im Februar 1945 ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. Sie überlebte und starb 1988 mit 94 Jahren. Ihr Mann war damals bereits lange tot, seit 1965.

Joseph Wirth
Dort, wo seit Montag ein Stolperstein an ihn erinnert, war immer ein Ruhepol für Joseph Wirth: In der Herrenstraße 19 lebte seine Mutter noch, als er schon längst erwachsen war, dort kam er oft vorbei, erzählt der Historiker Hugo Ott. Hier hatte er, 1879 in Freiburg als Sohn eines Maschinenmeisters geboren, seine Jugend verbracht. Er promovierte in Mathematik, ging in den Schuldienst und in die christliche Zentrumspartei, wo er zügig Karriere machte: 1911 war er "Stadtverordneter" in Freiburg, 1913 war er im badischen Landtag, 1914 im deutschen Reichstag.

Von Mai 1921 bis Oktober 1922 war er als jüngster Reichskanzler der Weimarer Republik bestrebt, die deutsche Isolation zu durchbrechen, er setzte sich gegen den Zeitgeist dafür ein, mit Russland Verständigung zu suchen. Joseph Wirth gilt als Gegner des Ermächtigungsgesetzes, glaubte aber, sich dem Fraktionszwang beugen zu müssen – und stimmte zu.

Einen Tag später verließ er Deutschland – in Freiburg hatte er ab 1928 in der Erbprinzenstraße 12 gewohnt. Es folgten rastlose Jahre in Frankreich, der Schweiz. Er gab Nachhilfe, bekam Unterstützung von Kirchen und Organisationen, kämpfte vom Exil aus gegen den Nationalsozialismus. Auch nach der Rückkehr nach Freiburg 1949 blieb es mühsam.

Er lebte bei der Witwe seines Bruders in der Landsknechtstraße und wurde weiter wegen seiner für damalige Verhältnisse ungewohnt offenen Haltung gegenüber Russland attackiert. Er galt als "Kommunistensäckel", erinnert sich Hugo Ott – speziell in der CDU habe es eine Front gegen ihn gegeben. Er starb 1956 und wurde auf dem Hauptfriedhof begraben.

18 neue stolpersteine

In den vergangenen Tagen wurden für 17 Menschen 18 neue Stolpersteine verlegt (Georg von Hevesy bekam zwei).

– Erna und Gustav Feldmann,
Urachstraße 33

– Eugen Heitz, Bertoldstraße 7

– Pia und Georg von Hevesy, Rosastraße 21 (Wohnung der Hevesys)

– Georg von Hevesy, Albertstraße 23/23 a/b (vor dem Unigelände)

– Albertine und Emil Homburger, Goethestraße 14

– Bruno Joseph, Belfortstraße 33

– Ernst Köberle, Holzmarkt 2

– Johanna Model, Zasiusstraße 34

– Selma und Hermann Montbrun, Goethestraße 14
– Karl Müller, Kaiser-Joseph-Straße 197 (vor dem Kaufhof)

– Eugenie Jeanne Ruf und Max Ruf, Gerberau 6

– Josephine Antonie Schönstein, Habsburger Straße 135

– Joseph Wirth, Herrenstraße 19

Sonntag, 20. Juli, 15 Uhr: Gedenkfeier der Joseph-Wirth-Stiftung für Joseph Wirth in der Herrenstraße 19.

Kontakt und Infos: Stolperstein-Initiative, Marlis Meckel, Tel. 0761/7075995,

marlis@meckel-fr.de

 

Autor: anb

Autor: Anja Bochtler (Text) und Thomas Kunz (Fotos)