In Sorge um ein kleines Paradies

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Mi, 14. September 2011

Freiburg

Cora und Kerstin Geigenbauer vom Verein "Bauernhoftiere für Stadtkinder" wissen nicht, ob ihre Pläne umsetzbar sind.

BETZENHAUSEN. Hinter der Anne-Frank-Grundschule liegt ein Paradies: Die Erzieherin Cora Geigenbauer (29) und die Biologin Kerstin Geigenbauer (27) kennen es seit ihrer Kindheit. Die Schwestern haben 1000 Quadratmeter des Gewanns Obergrün gekauft und 2000 Quadratmeter gepachtet. Mit ihrem ein Jahr alten Verein "Bauernhoftiere für Stadtkinder" bieten sie naturpädagogische Projekte für Kinder an und träumen von der Erweiterung zu einem Park. Die geplante Zufahrtsstraße zur Baustelle bei der Bebauung Tränkematten Süd sehen sie als Bedrohung.

Die ältere Frau mit dem Gehwagen hat Brot von daheim mitgebracht: Die Ziegen Tiffi und Lorenz freuen sich. Sie lassen sich von Cora und Kerstin Geigenbauer genauso gern spazieren führen wie die Henne Gerda und die kleinen Hunde Sally und Anton. Wer hier vorbeikommt, kennt die Schwestern und ihre Tiere – Jogger, Ältere, Familien tauchen auf, Radler fahren die Straße hinter den Wiesen entlang, dahinter liegen Schrebergärten.

Mit der Ruhe wird es irgendwann zu Ende sein. Die kleine Straße durch das Gelände soll vergrößert und zur Zufahrtsstraße für die – in der Bevölkerung umstrittene – Bebauung Tränkematten Süd werden. Die Bebauung wird frühestens 2013 beginnen, sagt die städtische Pressesprecherin Edith Lamersdorf. Wenn alles läuft, wie geplant, wäre es vorbei mit den bisher von Autos ungestörten Rundgängen um die idyllischen Wiesen, die versteckt nahe der viel befahrenen Sundgauallee liegen. Die größte Sorge von Cora und Kerstin Geigenbauer ist, dass sich der gesamte Charakter hier verändern wird: Dass sich nicht nur ihre Schafe, Hühner und Ziegen von Bau-LKW gestört fühlen werden, sondern auch sehr viel empfindlichere Zauneidechsen, Gottesanbeterinnen und seltene Vogelarten, die Kerstin Geigenbauer hier alle schon gesehen hat.

Nicht nur deshalb ist das Gebiet für die Biologin "höchst wertvoll": Auf den Wiesen, die in den vergangenen Jahren nicht mehr bewirtschaftet wurden, lasse sich auch ideal beobachten, wie sich eine Fläche ohne Einfluss von außen allmählich in Wald verwandle. Dass es komplett dazu kommt, verhindern nun die Schafe und Ziegen, die sich hier an Büschen und Gras satt fressen.

So ergibt sich eines aus dem anderen: Die Tiere pflegen die Wiesen, die Kinder (unter anderem aus der Anne-Frank-Schule und dem Kinderhaus "Fang’ die Maus", in dem Cora Geigenbauer arbeitet) lernen Ziegen, Schafe und Hühner kennen – und erfahren, welche Bedeutung die Tiere und ihre Umwelt haben. Weil auch viele vorbei kommende Erwachsene interessiert sind und sich hier erholen wollen, möchten die Schwestern Schautafeln aufstellen und ihre Fläche zu einem naturnahen Park erweitern. Für ihre Pläne haben die Geigenbauers bisher vor allem Erspartes eingesetzt, langfristig wollen sie ihre Arbeit über die Honorierung ihrer Projekte finanzieren. Bei der Stadtverwaltung, so ist ihr Eindruck, sei ihr Verein kaum bekannt. Von der geplanten Baustraße hätten sie nur über den Bürgerverein Betzenhausen erfahren, bisher sei kein Austausch mit städtischen Planern zustande gekommen. Darum laden die Schwestern heute Nachmittag vor Beginn des Bauausschusses Verantwortliche aus den Ämtern und Stadträtinnen und Stadträte zu einer Begehung durch das Gebiet Obergrün ein. Mit der Hoffnung, dass dann "nicht nur vom Schreibtisch aus entschieden wird", sagt Kerstin Geigenbauer.

Ihre Schwester war einst durch ihre Arbeit im Kinderhaus auf die Idee gekommen, Stadtkindern den verloren gegangenen Bezug zu typischen Bauernhoftieren zu vermitteln. Damals schaffte sie sich Küken an. So ging es immer weiter. Die Geigenbauers fürchten mögliche Folgen der Baustraße auf verschiedenen Ebenen: Neben der ökologischen Rückschritte durch die Flucht seltener Tierarten vor dem Lärm haben sie Angst davor, dass irgendwann das gesamte Gebiet zu Bauland werden könnte. "Wir wollen früh genug auf uns aufmerksam machen", sagt Cora Geigenbauer.

Der Verein, der zurzeit 21 Mitglieder hat, wartet derzeit auf eine Antwort auf seine schriftlichen Einwände, die beim Stadtplanungsamt eingereicht wurden. Dort werde alles "sorgfältig geprüft und in das weitere Bebauungsplanverfahren einbezogen", sagt Edith Lamersdorf. Bisher teile die Naturschutzbehörde die Einschätzung der Fläche als ökologisch hochwertige Fläche nicht. Doch es seien bereits Untersuchungen in die Wege geleitet worden, die klären sollen, welche Reptilien dort leben. Die Ergebnisse würden dann bei der artenschutzrechtlichen Prüfung zum Bebauungsplan Tränkematten berücksichtigt.