"Ja" zum eigenen Körper

Anita Rüffer

Von Anita Rüffer

Mo, 22. September 2014

Freiburg

Sexualpädagogisches Präventionsprogramm MFM wird in Kooperation mit der Kirche angeboten.

Ausfluss? Wie eklig! Nicht so für die Münchner Ärztin Elisabeth Raith-Paula, die sich auch in Freiburg in Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche für ein sexualpädagogisches Präventionsprogramm engagiert, das unter dem Kürzel MFM firmiert. Geradezu mit Begeisterung spricht sie von dem von Frauen und Mädchen häufig als "unrein" klassifizierten Zervixschleim, der doch zu den wichtigsten Fruchtbarkeitszeichen gehöre.

Ohne diesen von den "Östrogenfreunden" bereiteten "Zaubertrank" des Zervixschleims sähen die männlichen Spermien nämlich alle alt aus und hätten keine Chance, im weiblichen Körper zu überleben, sagt Elisabeth Raith-Paula. Beim Verfassen ihrer Doktorarbeit war der damals 25-jährigen Medizinstudentin aufgefallen, "wie gering unser Basiswissen über die Vorgänge in unserem Körper ist".

Seitdem verfolgt die heute 59-jährige Mutter zweier erwachsener Kinder eine Mission: Mädchen – seit 2003 auch Jungen mit beginnenden pubertären Veränderungen – über die reine Wissensvermittlung hinaus einen positiven emotionalen Zugang zu ihrem Körper zu verschaffen. Denn "nur was ich schätze, kann ich schützen". Aus dem 1999 von ihr ins Leben gerufenen sexualpädagogischen Präventionsprogramm ist inzwischen ein ausgedehntes Netzwerk unter dem Dach eines 2012 gegründeten Trägervereins geworden: Deutschlandweit wurden 330 Referenten ausgebildet.

60 000 junge Menschen hat das Programm schon erreicht

In 4000 geschlechtsspezifischen Workshops jährlich lernen Mädchen und Jungen, der "Sprache ihres Körpers" zu lauschen. 60 000 junge Menschen und ihre Eltern wurden mit dem Programm bisher erreicht. Ursprünglich firmierte es unter dem Titel "Mädchen – Frauen – meine Tage". Heute verbirgt sich hinter der Abkürzung MFM die englische Floskel: "My Fertility Matters" (meine Fruchtbarkeit ist der Rede wert). Ein Zugeständnis an die internationale Ausweitung des Projekts: Sogar China soll interessiert sein.

Auch in Freiburg hat es – unter anderem nach einem Beitrag in der Badischen Zeitung – seit 2003 Kreise gezogen. Zu den Pionieren gehörte das katholische St.-Ursula-Gymnasium. Das Familienbildungsreferat im Erzbischöflichen Seelsorgeamt fungiert (wie weitere elf Diözesen in Deutschland) als regionale Koordinationsstelle.

Ist das eine willkommene Gelegenheit für die Kirche, die katholische Sexualmoral früh unter die Menschen zu bringen und Schwangerschaftsabbrüchen vorzubeugen? MFM-Gründerin Raith-Paula will auf keinen Fall "in diese Schublade gesteckt" werden. Auch Rudolf Mazzola, Familienbildungsreferent im Seelsorgeamt, weist jeden Indoktrinierungsverdacht von sich: "Es geht im Gegenteil darum, Ich-Stärke und den Mut zur eigenen Entscheidung zu entwickeln."

Pater Klaus Mertes, seit drei Jahren Direktor des Kollegs St. Blasien, der seinerzeit die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche öffentlich gemacht hatte, sieht in MFM einen Weg, die Sprachlosigkeit zu überwinden, die ihm bei Missbrauchsopfern aufgefallen war. Sexualität sei allzu angst- und schuldbesetzt, so Mertes. Die beste Prävention sei, wenn Jugendliche lernten, "Ja" zum eigenen Körper zu sagen.

Nicht nur kirchliche Bildungseinrichtungen werden angesprochen. Für alle Schularten wird das Programm laut Referentin Silvia Mattes-Jalsovec inzwischen in Freiburg angeboten. Dabei können etwa Jungen als "Spezialagenten" in die Rolle von Spermien schlüpfen und Mädchen in einer "Zyklusshow" spielerisch und mit allen Sinnen lernen, wie neues Leben entsteht, welche Veränderungen die Pubertät mit sich bringt und warum Frauen ihre Tage bekommen. "Nicht theoretisch oder hinter vorgehaltener Hand", wie die Macher versichern, sondern "anschaulich und liebevoll".

MFM versteht sich als emotionale Ergänzung zum Biologieunterricht, in dem eher Faktenwissen vermittelt werde. Kenner loben die "bildhafte Sprache", die dennoch nicht darauf verzichten will, auch die Fachbegriffe einzuführen. Nur von "Bienchen" und "Blümchen" zu reden, käme der mit dem Bundesverdienstkreuz dekorierten Vereinsvorsitzenden denn doch zu banal vor.