"Kanufahren heißt auch: immer wieder kentern"

Julia Littmann

Von Julia Littmann

Di, 19. April 2016

Freiburg

BZ-INTERVIEW mit dem Kanusportler Gert Spilker, der als Wildwasser-Erfahrener Tipps für sichere Fahrten gibt.

Hochwasser in der Dreisam – das heißt für Wildwasserkanuten: Raus aufs Wasser. Am Sonntag kam bei einer Wildwasserfahrt auf der Alb ein Sportler ums Leben. In Freiburg kenterte ein Kanute und es waren 57 Rettungskräfte im Einsatz, der Wassersportler ging allerdings aus eigener Kraft wieder an Land. Nun gibt es unterschiedliche Meldungen dazu, ob er die Kosten für den Einsatz tragen muss. Gert Spilker ist Sportwart beim Freiburger Kanuclub und betreibt seit 20 Jahren den Kanu-Shop in Freiburg. Julia Littmann sprach mit ihm über Wildwasserfahrten und Risiko.

BZ: Sind die etwa drei Dutzend Kajakfahrerinnen und Kajakfahrer, die am Sonntag auf der Dreisam unterwegs waren Kamikaze-Sportler?
Gert Spilker: Ich unterstelle mal, dass sie alle Wildwasser-erfahren sind – denn nur dann fährt man so eine Strecke bei Hochwasser – und dann trifft "Kamikaze" nun wirklich gar nicht. Im übrigen raten wir allen, immer zu mehreren zu fahren.
BZ: Es ist aber doch am Sonntag ein Kanufahrer gekentert – das heißt doch, dass das Ganze zumindest sehr riskant ist.
Spilker: Die Wildwasserstrecken haben Schwierigkeitsstufen von 0 bis 6. Die Dreisam am Sonntag war ein Wildwasser 3 bis 4. In Deutschland gibt es sicher viele tausend Leute, die das problemlos fahren können. Das heißt, sie beherrschen wirklich sicher die Eskimorolle und haben mindestens ihre hundert Tage auf dem Bach gehabt. Erst dann kann man Strömungen lesen und notgedrungen kann man auch im Wildwasser schwimmen. Denn Kanufahren heißt auch: immer wieder kentern und folglich schwimmen.
BZ: Ist das dann nicht besonders gefährlich mit all dem Treibholz, das da bei Hochwasser runterkommt?
Spilker: Das Treibholz ist genauso schnell unterwegs, wie man selber – da droht also keine Gefahr. Wohl aber, wenn sich Stämme oder anderes verkeilt und fest im schnellen Wasser steht. Das ist dann gefährlich. Da hilft nur aufpassen. Und ein gut ausgerüsteter Wildwasserfahrer hat natürlich einen Helm, Schwimmweste und Neoprenanzug.
BZ: Dann kann nichts mehr passieren?
Spilker: Also das muss ich jetzt doch mal betonen: Wildwasserfahren gehört ausdrücklich nicht zu den Risikosportarten. Und auf der Dreisam ist seit Jahrzehnten niemand beim Wildwasserfahren tödlich verunglückt. Und trotzdem gilt für alle Sportarten, die im Zusammenspiel mit der Natur stattfinden, dass sich das Risiko zwar minimieren, aber nie komplett ausschließen lässt. Beim Wandern, Klettern, Tauchen und Wildwasserfahren. Und auch beim Spazieren an der Dreisam.
BZ: Spaziergänger an der Dreisam haben am Sonntag die Feuerwehr alarmiert, als ein einzelner Kanute kenterte – war das übertrieben?
Spilker: Nach allem, was ich von dem Vorfall erzählt bekommen habe, wäre der Rettungseinsatz nicht nötig gewesen. Der Mann war wohl erkennbar ein gut ausgerüsteter Wildwasserfahrer. Aber das sieht der Laie vermutlich nicht, der sieht nur, oje, der kentert. Und vielleicht wär’s besser gewesen, man wartet noch die 30 Sekunden, bis man sieht, wie geht’s ihm da im Wasser? Ganz klar: Wäre der gekenterte Kanute nicht allein unterwegs gewesen, hätten die Zaungäste an der Dreisam gleich gesehen, wie seine Begleiter ganz ruhig reagieren – und erkannt, dass das kein Notfall war. Aber wenn das nicht zu erkennen ist, alarmiert man – und die Wasserrettung legt los. Aber in einem Notfall wäre vielleicht ein erfahrener Wildwasserfahrer der wendigere Helfer.

Gert Spilker, 51, ist Physiker. Seit er fünf ist, paddelt er, in den wilden Jahren auch auf der Alb. Und auch seine Söhne, 4 und 6 Jahre alt, paddeln schon. Vorsichtig.