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27. April 2016

Neue Gruppe "Gartenleben Freiburg"

Kleingärtner protestieren gegen Plattmach-Pläne

Kleingärtner aus dem Stühlinger beklagen, dass viele weitere Gärten wegfallen sollen und wollen sich stadtweit vernetzen.

  1. Dunkle Wolken stehen derzeit nicht nur im meteorologischen Sinn über den Stühlinger Kleingartenanlagen (im Hintergrund der Rathaus-Neubau). Susanne Huber (rechts), Horst Schulte-Würth (Mitte) und Alfred Jäger wollen das drohende Aus nicht einfach so hinnehmen. Foto: Michael Bamberger

STÜHLINGER. In den Parzellen links und rechts der Sundgauallee im Stadtteil Stühlinger regt sich Protest: Die Kleingartenanlagen "Lehener Wanner" und "Kleineschholz" sollen für den Rathausneubau und für Wohnhäuser wegfallen. Das wollen sich die Kleingärtner nicht bieten lassen. Sie haben die Gruppe "Gartenleben Freiburg" gegründet – deren Engagement aber nicht im Stühlinger enden soll. Die Initiative will alle Kleingärtner in Freiburg besser vernetzen. Denn im Stadtgebiet verschwinden immer mehr Kleingartenanlagen.

"Da, wo der große Baum steht, war früher mein Garten": Alfred Jäger deutet Richtung Osten. Kurz hinter dem Baum ragt jetzt der Rathausneubau in die Höhe, 22 Kleingärtner mussten deshalb bereits vor drei Jahren ihre Parzellen räumen. Als Ersatz wurden zwölf Gärten am Friedhof im Stadtteil Littenweiler neu geschaffen und neun Parzellen etwas weiter westlich an der Sundgauallee, wo Alfred Jäger einen neuen Garten bekommen hat. Doch jetzt soll er schon wieder Platz machen: Denn auch diese neun Ersatzgärten stehen aktuell zur Disposition – gemeinsam mit rund 180 weiteren Parzellen links und rechts der Sundgauallee. Auf der insgesamt drei Hektar großen Fläche sind neue Wohnhäuser geplant, ein Teil ist dem Rathausneubau im Weg, außerdem sollen einige Flächen dem Eschholzpark zugeschlagen werden. Bei aller Wohnungsnot – es könne doch nicht sein, dass alles zugebaut werde, meint Susanne Huber. "Wir brauchen grüne Lungen, vor allem, wenn die Stadt noch weiter wächst", sagt die 57-Jährige. Für sie ist die Situation besonders ärgerlich: Sie hat erst vor einem Jahr von einem ehemaligen Pächter einen der neun Ersatzgärten an der Sundgauallee übernommen und dort ein neues Gartenhäuschen gebaut. Rund 3000 Euro hat allein das Material gekostet – und jetzt kann sie den Garten nur noch bis Ende 2017 bewirtschaften.

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Geld in die Hand genommen hat auch die Stadtverwaltung: Allein die Anlage der neun Ersatzgärten hat insgesamt gut 30 000 Euro gekostet. Dass auch diese Gärten nun wieder weg kommen sollen, sei so nicht geplant gewesen, sagt Rathaussprecherin Martina Schickle: "Mit dem Ausmaß der Wohnungsknappheit hatte damals noch niemand gerechnet." Aus diesem Grund falle leider auch der "Communitygarden 4 Kids" den Planungen zum Opfer – ein Gartenprojekt für Kinder, das aus den "Stadtteilleitlinien" stammt und für das erst kürzlich ein Doppelgarten im "Lehener Wanner" angelegt wurde.

"Der politische Wind dreht sich derzeit gegen die Kleingärtner", glaubt Horst Schulte-Würth, der seit acht Jahren eine Parzelle im "Lehener Wanner" bewirtschaftet und der sich ebenfalls in der neuen Gruppe "Gartenleben Freiburg" engagiert. Noch ist die Initiative ein loser Zusammenschluss, der sich über Facebook organisiert und sich regelmäßig trifft. Inzwischen hätten sich auch Kleingärtner aus anderen Teilen der Stadt der Gruppierung angeschlossen, berichtet Susanne Huber. Das ist das Ziel der "Gartenfreunde": Sie wollen die Kleingärtner besser vernetzen, um sich gemeinsam für den Erhalt der Kleingartenanlagen in Freiburg einzusetzen. Auch die Öffentlichkeit soll mobilisiert werden. Die Gruppierung hat eine Online-Petition gestartet, sie sammelt Unterschriften und will sich durch das Theaterprojekt "Superkörper" (zur Zukunft von Mensch und Gesellschaft) bekannt machen. "Wir wollen das Problem in die Öffentlichkeit tragen", sagt Alfred Jäger. Kleingärten seien in Freiburg nicht nur aus klimatischen Gründen wichtig. Die Anlagen leisteten auch einen wertvollen Beitrag für die Integration – viele Parzellen würden von Migranten bewirtschaftet.

Für die wegfallenden Gärten im Stühlinger will die Stadtverwaltung Ersatz schaffen – Details stehen noch nicht fest. Die Gärtner sind jedoch skeptisch: Sie befürchten, dass es wenige neue Flächen geben wird und diese in anderen Stadtteilen liegen – weit weg von ihren Wohnungen.

"Gartenleben Freiburg" trifft sich wieder am Donnerstag, 28. April, 19 Uhr, im "Quartierstreff 33", Wannerstraße 33 (http://www.facebook.com/Gartenlebenfreiburg

Freiburger Kleingärten

In Freiburg gibt es rund 3500 Kleingärten. 410 davon verpachtet die Stadtverwaltung direkt an die Gärtner, der Rest läuft über 13 Kleingartenvereine. Außerdem existieren Parzellen von Bahn, Post und anderen Institutionen, deren genaue Anzahl aber nicht bekannt ist.
2005 hat das Rathaus – gemeinsam mit dem damals neuen Flächennutzungsplan – einen "Kleingartenentwicklungsplan" aufgestellt, der allerdings nie vom Gemeinderat verabschiedet wurde. Er sah vor, dass es bis 2020 im Stadtgebiet 15 Prozent mehr Kleingärten geben soll. Doch statt neue Anlagen zu schaffen, sind allein seit 2010 rund 400 Parzellen weggefallen, meistens für neue Bauflächen. Dabei ist das Interesse an Kleingärten riesig: Für die vom Rathaus verwalteten Parzellen gibt es mehr als 700 Anfragen, auf den Wartelisten der Kleingartenvereine standen zur Saison 2014/15 rund 1000 Interessierte.
Um neue Flächen für Kleingärten, aber auch für Trends wie "Urban Gardening" zu identifizieren, schlug die Freiburger Stadtverwaltung im vergangenen Frühjahr vor, ein externes Büro zu beauftragen. Die Ergebnisse der 30 000 Euro teuren Untersuchung sollten eigentlich dieses Jahr vorliegen. Tatsächlich hat das Rathaus aber erst jetzt den Auftrag für die Studie erteilt. Mit der Fertigstellung ist laut Stadt im ersten Quartal 2017 zu rechnen.  

Autor: jlb

Autor: Jelka Louisa Beule