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21. Januar 2011

Krass, wie das funktioniert

Am Samstag hat ein junges Stück Premiere am Theater: Myspace Invaders führt in virtuelle Welten.

  1. Regisseurin Ina Keppel (links) animiert bei der Probe die „Schein-Identitäten“ zu echtem Einsatz. Foto: Bamberger

Carmen Puchinger war in ihrer Rolle erfolgreich: Als aufgedonnerte Tussi kam sie in der virtuellen Welt des Internets supergut an. Mit einer Schein-Identität hatte sie sich im Herbst aufgemacht in "social networks" wie Facebook oder Schüler VZ. Als eine von 17 jungen Theaterbegeisterten zwischen 13 und 26 wollte sie die virtuellen sozialen Netzwerke beforschen – und die Ergebnisse dann im Rahmen eines Projekts des Jungen Theaters Freiburg auf der Bühne umsetzen. Das ist geglückt. Am morgigen Samstag hat "Myspace Invaders" im Werkraum des Theaters Premiere.

Aufgemotzt und mit falscher langer blonder Mähne hatte Carmen sich unter anderem Namen und als 18-Jährige in der Lifestyle-Community uppz.com angemeldet. Im echten Leben ist die 17-jährige Gymnasiastin aus Furtwangen eine, die unbedingt die persönliche Begegnung braucht und den virtuellen Netzwerken skeptisch gegenübersteht. Dennoch ist sie wie alle anderen Teilnehmer am Myspace Invaders-Projekt ganz selbstverständlich auch privat "userin", soll heißen: angemeldet in zwei Sozialnetzwerken – Schüler VZ und Facebook. Dort findet man auch Katharina Engels. Die 24-jährige Studentin fand zweierlei spannend, als sie sich zu dem Projekt anmeldete: "Erstens sind wir ja alle Akteure bei einer Entwicklung, die da stattfindet mit den social networks – und die man noch gar nicht überschauen kann." Und zweitens findet sie cool, dass bei diesem Projekt auch sehr junge Jugendliche dabei sind: "Die sind spontaner und impulsiver, nicht so zurückgenommen oder reflektiert – das tut der Gruppe total gut!"

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Die Gruppe hatte auch die beiden Projektverantwortlichen von den Anfängen im vergangenen September an überzeugt. Regisseurin Ina Keppel und Projektleiter Michael Kaiser waren so begeistert von der guten Gruppendynamik, dass sie kurzerhand auf ein Auswahlverfahren verzichteten und alle nahmen, die gekommen waren. Die Bandbreite der Themen, die mit den jeweiligen "fake accounts", den erfundenen Identitäten geboten wird, ist folglich enorm. Von den zwei Jugendlichen, die über Schüler VZ zum Gesangsduo werden und bei "Deutschland sucht den Superstar" antreten, bis hin zum ambitionierten Dichter Marc.

Dichter und Duo gibt es im echten Leben so wenig wie Carmens Supertussi. Hätten die Teilnehmer nämlich ihre eigenen Identitäten für die Recherche benutzt, hätten Abstand und Abstraktion gefehlt, erklärt Katharina Engels. Die verabredete Versuchsanordnung war für alle spannend. Noch spannender ist, dass die Forschungsergebnisse nun für alle sichtbar aus der digitalen Welt in die Dreidimensionalität der Bühne transportiert werden. Auch wer mit dem Internet oder gar mit dem ominösen Facebook nicht sehr gut vertraut ist oder Möglichkeiten, Glückseligkeiten und Überforderungen genauer betrachten will, die die sozialen Netzwerke im Netz in petto haben, findet mit dem neuen Stück einen höchst konkreten Zugang zum Thema.

Regisseurin Ina Keppel ermuntert bei den Schlussproben: "Hey, der Chor darf lauter sein!" Und alle drehen noch mal auf für den DSDS-Song mit Carmen Puchinger live am Klavier. Die war von ihrem Erfolg in der virtuellen Netzwelt eher irritiert. Bei uppz.com geben die Männer den Frauen Noten zwischen 1 und 10 für ihr Aussehen. Carmen kam auf 9,6 und auf bergeweise Kontaktangebote: "Krass, wie das funktioniert, dass nur das Äußere zur Kenntnis genommen wird." Fazit: Beides – Spaß und Skepsis – waren groß bei dieser Produktion. Und das Publikum darf beides miterleben.

Infos zu Aufführungsterminen von Myspace Invaders und zum Jungen Theater unter: http://www.theaterlabor.net

Autor: Julia Littmann