Bier, Blutfleck und Büfett

Krimiführung in der Ganter-Brauerei

Anita Fertl

Von Anita Fertl

Fr, 16. Januar 2015

Freiburg

Hat die Ganter-Brauerei eine Leiche im Braukeller? Diese Frage stellen wir uns alle, die wir nach und nach zur Krimiführung eintrudeln, so unterschiedlich wir auch sind: ob Freundinnen, junge Burschen, Paare, ganze Familien vom Enkel bis zur Oma oder Spürnasen, die ohne Begleitung gekommen sind.

Doch erst mal passiert – nichts. Statt Blut fließt Begrüßungsbier. Immer mehr Hobbydetektive treffen ein, freudig gespannt, neugierig, wach. Wir stehen, trinken, warten, tuscheln und genießen die Wärme nach der feuchtkalten Dunkelheit und dem Nebel draußen, der wie auf Bestellung den Brauereiinnenhof in eine unheimliche Szenerie verwandelt hat. Hektisch kommen Nachzügler herein, erfreut und überrascht, dass die Führung noch nicht an
gefangen hat. Jetzt fehlt nur noch einer: unser Guide.

Mittlerweile warten wir schon so lange, wie der Nebel draußen dick ist. Könnte man sich die Beine in den Bauch stehen, würden unsere Füße direkt an den Oberkörper anschließen. "Langsam könnt’ jetzt endlich mal was passieren", tuschelt eine verhalten. Tut es dann auch, die Putzfrau kommt. Else – so stellt sie sich vor – will auch in unserem Fall für Ordnung sorgen und greift zum Handy. "Da nimmt natürlich keiner ab. Aber so geht das doch nicht. Ihr habt ja schließlich auch bezahlt für die Führung, oder?!", regt sie sich auf, lässt resolut Putzeimer und Schrubber stehen und bietet sich als ortskundige, langjährige Mitarbeiterin an, für den immer noch nicht aufgetauchten Guide in die Bresche zu springen.

Zuerst geht’s ins Sudhaus, wo die riesigen, kupfernen Kessel um die Wette glänzen und es leicht säuerlich nach Hopfen und Hefe riecht. Kein Wunder, denn hier werde die Würze fürs Bier gemacht. Else erklärt neben den Bierzutaten auch ihre ganz persönlichen Lebensweisheiten ("Neue Besen kehren gut, aber die alten wissen, wo der Dreck liegt"). Und sie verrät Interna, die eigentlich nicht für fremde Ohren bestimmt sind: "Das soll ja nicht an die Öffentlichkeit." Sie erzählt von Blutflecken im Sudhaus, von einem eisigen Wind, der manchmal mit schwerwiegenden Folgen im Brauereikeller weht, von unheimlichem Wolfsgeheul, seltsamen Gesängen und einem rätselhaften Mord auf dem Brauereigelände in den Siebziger Jahren.

Else führt uns über den Hof zum nächsten Gebäude. Nach ihren Erzählungen scheint die Nacht noch dunkler, der Wind noch kälter und der Nebel noch dichter zu sein. Die Putzfrau schließt auf und lässt uns in eine Halle mit riesigen Gärtanks treten. Wie viele Liter gekühltes und gelagertes Bier so ein rund zehn Meter hoher Behälter wohl fasst? Else will uns den vollen Service bieten, wir sollen Zwickelbier direkt aus dem Tank bekommen – so wurde ursprünglich die vom Braumeister frisch entnommene Probe genannt.

Ein langgezogener, gellender Schrei erfüllt den Raum: "Auf dem Boden liegt eine Leich’!", schreit die Putzfrau. Statt auf Gläser ist sie auf eine leblos am Boden liegende Gestalt gestoßen und neugierig, aber aus gebührendem Abstand schieben sich alle näher zum Tatort heran. Schnell ein Telefonat, dann werden wir hinausbugsiert: "Bloß nichts anfassen! Die Polizei ist gleich hier, ihr müsst euch bereithalten für die Vernehmung."

Im alten Kesselhaus wartet das Büfett, "ein wahrer Leichenschmaus", wie einer schmunzelnd feststellt, denn Antipasti, Cordon bleu und Nachtisch werden aufgetragen. Im Hintergrund läuft Jazzmusik und die ganze Szenerie in den hohen Räumen, mit Galerien, alten Tankkesseln und Leitungen ist stimmungsvoll in rot-blaues Licht gesetzt. Vom Essen gestärkt sind wir bereit für die Fragen der Parapsychologin Paula Schäuble, die im Auftrag der Brauerei die übersinnlichen Aktivitäten klären soll – und am besten den heutigen Mordfall gleich mit.

Während Schäuble noch befragt und ermittelt, kündigen ein Kettenrasseln und schleifende Geräusche weitere paranormale Vorkommnisse an und im Laufe des Abends werden wir immer tiefer in einen verzwickten Kriminalfall verstrickt, der seinen Anfang wohl schon vor 42 Jahren mit dem ungeklärten Mord an einem jungen Brauer nahm.

Das Kesselhaus wird zur Theaterbühne, auf der Schäuble mit vollem Einsatz nicht immer bierernst, aber packend auf Mördersuche geht. Ein Schauspiel entwickelt sich, in das kleine Videosequenzen eingebaut sind, die von großer Liebe und Eifersucht erzählen. Immer mehr Fragen werden aufgeworfen: Können Geister singen und Gitarre spielen? Was ist aus der Braut des Brauers, der schönen Liesel, geworden, die auf mysteriöse Weise nach dem Mord verschwand? Was hat es mit der Nebenbuhlerin Heidi auf sich? Welche Rolle spielt der scheinbar unbeteiligte Mann hinter der Theke – welche gar die Putzfrau in dem Kriminalfall?

Schäuble ist gefordert und scheint überfordert, leicht trunken und dennoch klar. Oder benimmt sie sich nicht auch verdächtig? Bei solchen Verwirrungen bleibt nur die Gewissheit, dass sich am Ende des Abends alles aufklären wird – und uns in der Zwischenzeit der Griff zum kühlen Bier: Prost!