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10. Juli 2013 19:28 Uhr

Heidelberg / Mannheim / Köln

Lärm in Freiburg: Welche Lösungsansätze bieten andere Städte?

Heidelberg plagt sich mit verstopften Altstadtgassen, Mannheim mit feierwütigen Gästen und Köln mit lärmenden Platzbesuchern. Wie versuchen diese Städte das Lärmproblem zu lösen? Das haben sie jetzt in Freiburg präsentiert.

  1. Freiburgs Problemzone Augustinerplatz Foto: Michael Bamberger

Von einem "unversöhnlichen Konflikt" spricht eingangs Michael Wehner von der Landeszentrale für politische Bildung. Er moderiert das Fachgespräch im Bürgerhaus Zähringen zum Thema Lärm in der Altstadt. "Es muss etwas getan werden – aber was?" fragt er. Andere Städte plagen ähnliche Probleme wie Freiburg. So ist es spannend zu hören, wie Heidelberg, Mannheim und Köln mit dem Konflikt umgehen – und welche Lösungsansätze sie gefunden haben.

HEIDELBERG

Ballermann am Neckar: Der mittelalterliche Stadtkern von Heidelberg mit seiner hohen Gaststättendichte gehört zu den Partymeilen in Baden-Württemberg. Neben Grölern, Wildpinklern und Randalieren macht Bernd Köster, Leiter des Heidelberger Bürgeramtes, eine weitere Lärmquelle aus: "Die Zahl der Junggesellenabschiede hat zuletzt wahnsinnig stark zugenommen." Im Sommer 2009 führte der Dauerlärm zu einer ungewöhnlichen Protestaktion der Anwohner. Sie hängten Bettlaken aus den Fenstern auf denen etwa stand: "Wir wollen schlafen". Verschärft wurde die Lage durch die Ankündigung, die Sperrzeiten landesweit zum 1. Januar 2010 zu kürzen: Werktags begann sie um 3 statt um 2 Uhr, an den Wochenenden um 5 statt um 3 Uhr. Heidelberg setzte zu dem Zeitpunkt die sogenannte Sperrzeitverordnung durch, die bisher gültigen Sperrzeiten für die komplette Altstadt blieben erhalten. "Die Mehrheit der Wirte akzeptiert das", sagt Köster. Verstöße würden rigide vom Kommunalen Ordnungsdienst (KOD) geahndet, der mit Lärmmessegeräten auf Streife gehe. "Drei bis vier Mitarbeiter sind am Wochenende bis 3 Uhr auf den Straßen, bei größeren Veranstaltungen auch mal bis 6 Uhr." Die Wirkung sei beträchtlich: "Eine halbe Stunde nach Eintritt der Sperrzeit herrscht Ruhe in der Altstadt." Einigen Anwohnern geht das nicht weit genug. Sie fordern eine Verlängerung der Sperrzeit und klagten. Aktuell hat die Stadt einem Vergleich zugestimmt und lässt ein Gutachten über die tatsächliche Lärmbelastung durch Besucherströme erstellen. "Möglich, dass die Lokale am Wochenende bald um 2 Uhr schließen müssen", meint Bürgeramtsleiter Köster.

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MANNHEIM

"Kneipenviertel oder Besucherströme aus dem Umland – so was gibt’s in Mannheim nicht", sagt Klaus Eberle, Fachbereichsleiter Ordnung und Sicherheit der Stadt, gleich zu Beginn seines Referats. Diskos und Clubs lägen am Stadtrand, da beschwerten sich die Betriebe vor Ort über Müll, nicht über Lärm. In Mannheim werde vor allem um das Miteinander auf öffentlichen Plätzen gerungen. Arena of Pop, Schlossfestival, Stadtfest: "Da prallen die Interessen von Besuchern und Anwohner aufeinander." Um diesen Konflikt zu entschärfen würden bereits im Vorfeld intensive Gespräche mit beiden Parteien geführt. "Der KOD ist bei solchen Veranstaltungen durchgängig erreichbar", sagt Eberle – und erntet von einigen Zuhörern im Bürgerhaus Applaus. Ihm zufolge hat sich dadurch das Beschwerdeverhalten der Anwohner verändert. "Es gibt weniger Anrufe als früher, weil sie wissen, da ist jemand, der sich kümmert." Auch die Veranstalter seien für die Sorgen der Betroffenen sensibilisiert. "Einer hat mal vorab Blumensträuße im Altenheim verteilt." Ein weiterer heißer Konfliktherd in Mannheim: "Grillen ist fast überall erlaubt", sagt Erberle. Dort, wo es verboten sei, würde der KOD streng kontrollieren und auch auf erlaubten Flächen zeige er Präsenz. Häufige Kontrollen führen dem Mannheimer zufolge auch bei störenden Gruppen wie Freizeittrinkern oder Bettlern zum Ziel. Der Mannheimer KOD ist 1998 mit zwölf Mitarbeitern gegründet worden. Heute hat er 30 Vollzeitstellen, wobei er an den Wochenenden nur bis etwa 23.30 Uhr im Dienst ist.

KÖLN

Was Freiburg der Augustinerplatz ist Köln der Brüsseler Platz: Hunderte von Frischluftfans schnattern und musizieren bei mediterraner Atmosphäre durch die Nacht. An manchen Samstagen zählt die Stadt um Mitternacht noch mehr als 1000 Besucher, die die Anwohner mit bis zu 80 Dezibel beschallen. Die Strategie der Stadt: "Wir quatschen den Platz leer", sagt Robert Kilp, Leiter des Kölner Ordnungsamts. Seit 2011 sprechen Einsatzkräfte des städtischen Ordnungsdienstes abends von Mitte April bis Ende September gegen 22 Uhr die Massen auf dem Platz an und bitten um Ruhe. "Ab 24 Uhr fordern wir sie auf, den Platz zu verlassen", erläutert Detlev Wiener, der von der Stadt beauftragte Mediator. Danach sorgten die angrenzenden Gaststätten dafür, dass die Leute gehen. Unterstützung erhielten sie von Freiwilligen der Interessengemeinschaft Brüsseler Platz. Den Erfolg können Anwohner auf der Internetseite der Stadt verfolgen, dort wird täglich Protokoll geführt. Samstag 6. Juli, 22 Uhr: 357 Besucher, 23 Uhr: 530, 24 Uhr: 400, 0.30 Uhr: 280. "Es funktioniert", sagt Wiener. Der Brennpunkt sei zusätzlich dadurch entschärft worden, dass die Außengastronomie vergrößert worden sei. Außerdem würde das so genannte Kulturdeck Aachener Weiher saniert, um einen alternativen Ort zum Feiern zu bieten. Zuvor war der Versuch, mit Flutlicht ab 24 Uhr für Aufbruchsstimmung zu sorgen, genauso gescheitert, wie den Platz zu verdunkeln. "Da haben es sich alle so richtig kuschlig gemacht", sagt Kilp. Einigen Anwohnern gehen auch hier die Maßnahmen der Stadt nicht weit genug: Sie klagten und fordern, Alkohol ganz zu verbieten und die Außengastronomie um 22 Uhr zu schließen. Derzeit läuft ein Mediationsverfahren. "Wir sind dem Ziel näher gekommen, haben es aber noch nicht erreicht", gibt auch Detlev Wiener zu. Die neuste Idee des Mediators: Er will Sponsoren gewinnen, die den Anwohnern Schallschutzfenster finanzieren.
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Autor: Alexandra Sillgitt