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13. März 2013

Leute in der Stadt

Musiker – und Flüchtling: „Sam“ aus Gambia auf Tour

Die Wende kam mit Heinz Ratz. Seitdem kann "Sam" (30), der nur mit seinem Künstlernamen in der Öffentlichkeit auftreten will, wieder tun, was seine Berufung ist: Auf der Bühne stehen, trommeln, singen.

  1. Musiker – und Flüchtling: „Sam“ aus Gambia. Foto: thomas kunz

"Sam" ist Musiker. Aber er ist auch ein Flüchtling – und das heißt: Sein Leben wird durch die deutschen Asylgesetze aufs Minimalste begrenzt. Genauso geht’s den anderen Mitgliedern der Band "The Refugees", die mit Heinz Ratz’ Band "Strom und Wasser" auf Deutschland-Tour sind.

Er sitzt mit geschlossenen Augen vor seiner Djembe, einer becherförmigen afrikanischen Trommel. "Sam" trommelt und singt, und es wirkt, als würde er in eine andere Welt abtauchen. Vor ihm drängt sich, ganz von dieser Welt, begeistertes Publikum: Immer mehr Leute stehen von ihren Sitzen im Kleinen Haus des Theaters auf, tanzen und jubeln auf der freien Fläche vor der Bühne.

Es ist ein irritierender Gegensatz, erzählt Heinz Ratz später am Mikro – tagsüber lernen die Musiker von "Strom-und-Wasser" und "The Refugees" die deprimierende Welt der deutschen Flüchtlingsunterkünfte kennen, abends auf der Bühne ist beste Stimmung. Gleichzeitig ist das eine kleine Rettung für "Sam" und die anderen Flüchtlinge, von denen abwechselnd immer sieben oder acht mit auf Tour sind. Der Musiker Heinz Ratz hat bundesweit in Flüchtlingsunterkünften Musiker zusammengesucht, bei ihrer "Lagertour 2013" präsentieren sie Weltmusik, unter anderem afrikanischen Reggae und griechisch-afghanischen Rap. "Für mich ist ein Traum wahr geworden", sagt "Sam". Mit sieben Jahren fing er an, Djembe zu spielen. Seine Mutter war lange dagegen, dass er Musiker wurde, später, als er mit seinem Beruf in Gambia Erfolg hatte, war sie stolz auf ihn.

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Seine Djembe war dabei, als "Sam" 2009 aus Gambia nach Deutschland floh. Doch bis er 2011 Heinz Ratz begegnet ist, war sein Alltag typisch für einen Flüchtling in Deutschland: Keine Privatsphäre im engen Sechserzimmer einer Flüchtlingsunterkunft in Reutlingen. Lebensmittelpakete ohne Chance, selbst Essen auszuwählen. Kein Recht auf Deutschkurse, keine Arbeit, keine Musik. Damals dachte er: "Oh Gott, was ist das für ein Leben." Dann kam Heinz Ratz nach Reutlingen. Er hatte gehört, dass ein Musiker aus Gambia dort lebte, fragte nach ihm, holte ihn spontan auf die Bühne. So fing es an.

Zurzeit hat "Sam" fast jeden Abend einen Auftritt. 100 Konzerte in einem Jahr gehören zur "Lagertour 2013". In Freiburg hat das "Informationszentrum 3. Welt" das Konzert als Auftakt der Reihe "Respect! – Globale Menschenrechte, lokale Schauplätze" organisiert. Walter Schlecht vom "Freiburger Forum gegen Ausgrenzung" verweist zwischen zwei Songs auf die Zuspitzungen für Freiburger Flüchtlinge, von denen einer unbekannten Zahl – vor allem den Roma – demnächst Abschiebungen drohen.

Auch die Zukunft von "Sam" und seinen Kollegen, die als "The Refugees" bundesweit für Aufsehen sorgen, ist ungesichert. "Sam" lebt nach einem abgelehnten Asylverfahren geduldet und darf nie ohne Erlaubnis der Behörden Baden-Württemberg verlassen. Wenn er mit auf Tour geht, muss Heinz Ratz Briefe schreiben, damit er die Genehmigung bekommt. Vor vier Monaten hat "Sam" zumindest den Absprung aus der Unterkunft in ein Privatzimmer geschafft. Immer noch ohne Privatsphäre, er teilt es mit einem Freund – aber es ist etwas besser als vorher, in den fünf Jahren auf viereinhalb Quadratmetern, die jedem in einer Flüchtlingsunterkunft zustehen.

Autor: Anja Bochtler