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23. Oktober 2015

Haslach

Neubaugebiet Gutleutmatten: Streit ums Energiekonzept

Die Baugruppen revoltieren: Wärmegedämmte Neubauten ja – aber die Preise für Warmwasser und Heizung halten viele im Neubaugebiet Gutleutmatten für exorbitant hoch.

  1. Foto: Michael Bamberger

  2. Protestaktion beim Spatenstich Foto: Eggstein

Der erste Spatenstich für das Baugebiet Gutleutmatten ist getan – ein Grund zur Freude: In Haslach entstehen jetzt 480 neue Wohnungen. Weniger erfreut sind 16 Baugruppen, die hier eine neue Heimat finden werden: Das als innovativ gepriesene Energiekonzept des Quartiers beschert ihnen hohe Kosten – obwohl sie in nagelneuen, hochgedämmten Häusern wohnen.

"Mit Energiewende hat das nichts zu tun", findet Achim Kimmerle. Der Vertreter der Baugruppe "Bachaue" hat sich mit anderen Bauherren das Energiekonzept fürs neue Quartier genau angeschaut – und kann es nicht fassen: Nach seiner Rechnung bringt es eine gut gedämmte 100-Quadratmeter-Wohnung in Gutleutmatten auf 1107 Euro Kosten pro Jahr für Warmwasser und Heizung. Zum Vergleich: Vergangenes Jahr kostete eine etwas schlechter gedämmte 135-Quadratmeter-Wohnung in Vauban laut Abrechnung 1130 Euro, also in der Relation deutlich weniger. Deshalb haben sich 16 Baugruppen in einem gemeinsamen Brief an die Gemeinderatsfraktionen und die Medien gewandt: Sie halten den Energiepreis in Gutleutmatten für ein Unding, zumal in einem geplanten Öko-Vorzeigequartier.

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Ganz anders dagegen rechnet Klaus Preiser, Geschäftsführer von Badenova Wärmeplus, der Firma, die Gutleutmatten Energie liefern wird: Eine 100-Quadratmeter-Wohnung kostet nach seiner Rechnung 667 Euro im Jahr. Wie kommt es zu den unterschiedlichen Zahlen? Und wer hat Recht?

Es ist, wie nicht anders zu erwarten, ein schwieriges Thema. Anfang 2013 hatte der Gemeinderat Badenova Wärmeplus ohne Ausschreibung den Zuschlag für das Energiekonzept Gutleutmatten gegeben. Wärmeplus soll ein aus energetischer Sicht "vorbildliches und innovatives Wohngebiet" realisieren. Das dafür entwickelte Energiekonzept ist eine Kombination aus Sonnenkollektoren auf den einzelnen Häusern, die Wärme im Sommer liefern, und Fernwärme aus dem gasbetriebenen Blockheizkraftwerk in der Staudingerschule für die kalte Jahreszeit.

"Dieses Konzept ist einzigartig", sagt Wärmeplus-Geschäftsführer Preiser, weshalb sich auch das Bundesumweltministerium und der Badenova Innovationsfonds mit knapp einer Million Euro Fördergeld daran beteiligen; ein entsprechendes Forschungsprojekt läuft bis Mitte 2017. Die Bauherren in Gutleutmatten sind verpflichtet, sich dem Energiekonzept anzuschließen, das war von vornherein klar.

Lange, bemängeln die Baugruppen, habe es keinerlei Informationen über die Preisgestaltung gegeben. Nach einigem Hin und Her kam es Mitte August zu einem Treffen aller beteiligten Bauherren und Ämter sowie Wärmeplus. "Das war der Knüller", sagt Kimmerle. Laut Wärmeplus sollten die Nutzer pro Quadratmeter und Monat 81 Cent Energiekosten zahlen. Allerdings sei der Investitionskostenzuschuss für die Solaranlagen nicht berücksichtigt gewesen; korrigiere man dies, komme man auf 92 Cent pro Quadratmeter und Monat. Das entspreche einem Preis von 20 Cent pro Kilowattstunde Wärme und wäre ein bundesweiter Spitzenwert. Der deutschlandweite Durchschnittspreis liegt unter 10 Cent pro Kilowattstunde.

Zudem, meint Kimmerle, greife Wärmeplus zu einem Trick: "Sie tut einfach so, als könne man die Wärmerückgewinnung mit 40 000 Euro Kosten sparen, dann wird es rechnerisch billiger." Fazit der Baugruppen: Das Vorzeigeprojekt – Nahwärmeversorgung in einem gut gedämmten Baugebiet plus Solarwärme auf den Dächern – rechnet sich nicht, das ökologische Vorzeigequartier funktioniert nur mit extrem hohen Energiepreisen auf dem Rücken der Bauherren.

"Stimmt nicht", sagt Klaus Preiser von Wärmeplus. Richtig sei, dass es anfangs hohe Investitionskosten gebe – doch das zeichne alle umweltfreundlichen Energieversorger aus. Im Gegenteil sei da eine "Sparkasse eingebaut": Bei steigenden Energiepreisen bleibe der Preis stabil. Die Stadt verzichte deshalb auf Wärmerückgewinnung; wenn die Baugruppen dies trotzdem machen wollten, dürfe man das nicht Wärmeplus vorwerfen. "Für 660 Euro im Jahr oder 51 Euro im Monat ist die Bude warm, und zwar CO2-frei", so Preiser. "Wir setzen das Konzept um wie beschlossen."

Rückendeckung erhält er von Klaus von Zahn, dem Leiter des städtischen Umweltamtes. "Der hohe Fixkostenanteil von 70 Prozent wurde auf 53 Prozent gesenkt, aber der schützt ja auch, wenn die Kilowattstunde teurer wird." Er vermutet: "Der empfindliche Punkt ist der Anschlusszwang, da hätten die Baugruppen lieber eine dezentrale Lösung. Aber das wusste jeder, der dort einen Bauplatz kauft."

Auch die Öko-Baugenossenschaft Ökogeno errichtet ein Gebäude mit zwölf Wohnungen in Gutleutmatten, sechs sind geförderte Mietwohnungen. Den Beschwerdebrief der Baugruppen hat die Genossenschaft nicht mit unterschrieben. "Aber das heißt nicht, dass wir mit allem einverstanden sind", sagt Projektleiter Uwe Ilgemann. Seiner Meinung nach sind die grundlegenden Fehler bereits vor fünf Jahren gemacht worden. Das Energiekonzept sei vielleicht wissenschaftlich interessant, mit den heutigen Verhältnissen am Markt habe es aber wenig zu tun: "Das beschlossene Energiekonzept führt zu sehr hohen Fixkosten, so sind wirtschaftliche Energiesparmaßnahmen nicht mehr möglich." Er kann die Proteste der Baugruppen verstehen: "Sie geben Geld aus für Wärmedämmung, kriegen es aber nicht zurück. Das ärgert uns."

Am 17. November soll das Thema im Gemeinderat behandelt werden.

Autor: Simone Lutz